Zum Glück machen wir ja alle was mit Worten. Da sollte es doch eigentlich kein Problem sein, auch in Moderationen nicht immer wieder die gleichen Phrasen zu dreschen, oder?

Leider kann man als Poetry Slammer*in wenn man in Deutschland auf Tour geht, die Hälfte der Moderation gefühlt mitsprechen. Weil es immer die gleichen Phrasen sind.

Hier kommt unsere Sammlung der ausgelutschtesten Poetry Slam-Phrasen und (nicht ganz ernst gemeinte) Alternativ-Vorschläge dazu:

Poetry Slam ist ein moderner Dichterwettstreit.

Klingt immer wieder sexy.

Zu viele Menschen haben offenbar immer noch keine Ahnung, was dieses Poetry Slam-Ding eigentlich ist. Deshalb fühlt sich die Moderation bemüßigt, das Prinzip zu „erklären“, indem es einfach deutsche Worte dafür benutzt.

Schön und gut. Aber geht das nicht auch kreativer?

Unsere Alternativ-Phrasen zur Einleitung:

  • Poetry Slam ist wie ein Rap-Battle, nur in whack
  • Poetry Slam ist der Bastard aus Lyrik und Demokratie
  • Poetry Slam ist wie Krieg, nur mit Worten statt Waffen, und mit Lauchs als Kombattanten, und ohne tote Menschen
  • Poetry Slam ist wie der Eurovision Song Contest, nur mit Poesie und ohne Telefonabstimmung
  • Poetry Slam ist einer Veranstaltung vor deren eigentlichen Beginn die Moderatorin oder der Moderator das Publikum fragt, ob es weiß, wo es sich denn hinverlaufen hat. (Danke an Egon Alter!)

Ein 10-Punkte Applaus ist der kollektive Orgasmus

Wie oft sind Slam-Master*innen eigentlich auf Orgien?

Um in der Applaus-Eichung klar zu machen, dass der 10-Punkte-Applaus für den besten Text des Abends richtig ballern soll, wird oft der „kollektive Orgasmus“ zitiert. Das ist eine schöne Metapher, aber wer möchte sich ein ganzes stöhnendes, nacktes Publikum vorstellen? (Außer bei einem Erotik-Slam)?

Andere oft gehörte Verbildlichungen des 10-Punkte-Applauses sind:

  • Ein Text der so gut ist, dass man ihn sich auf den Körper tätowieren würde
  • Ein Text der so gut ist, dass ihr ein Kind von der*dem Poet*in haben wollt
  • Ihr wollt den*die Poet*in mit nach Hause nehmen und im Keller einsperren, um auf Zuruf euch diesen Text vorzutragen
  • Ihr wollt so viele Kinder zeugen wie der Text Wörter hat, und diese dann nach den Wörtern benennen, so dass ihr jeden Morgen, wenn ihr sie zum Frühstück ruft, diesen Text hören könnt

Unsere Alternativ-Phrasen: Ein 10-Punkte-Applaus ist…

  • der Samstag-Abend unter den Appläusen
  • die Kombination aus Standing-Ovation und Unterwäsche-werfen
  • der Hörsturz-Verursacher unter allen Applaus-Stufen
  • hemmungslos manisches Ausrasten

Keine Requisiten: Das heißt, man darf nicht mit Hamstern jonglieren

Variiert durch tote Omas, Katzenbabys oder anderen Jonglage-Objekten

Es ist, als ob die Jonglage das ultimative Beispiel für Requisiten ist. Wie kommt das? Und warum so oft Hamster? Es gibt doch so viele Requisiten, die man verbotenerweise benutzen könnte!

Unsere Alternativ-Phrasen: Keine Requisiten, das heißt…

  • man darf bei einem Bahn-Text keinen ICE mitbringen
  • keine Pyro
  • der Text darf nicht auf einem Einrad vorgetragen werden
  • keine plötzlichen Mutationen in Fabelwesen
  • man darf nicht zu Show-Zwecken Boris Johnson aus dem Hut ziehen

Der*die Erste hat es immer am schwersten

besonders nach dieser Anmoderation

Dafür machen wir doch extra ein Opferlamm/Eichhörnchen! Und ja, wir wissen alle, dass es die erste Person trotzdem ein bisschen schwerer hat. Aber klingt das nicht ein bisschen arg bemitleidend? Oder wenn schon – kann das dann nicht etwas besser klingen?

Alternative Phrasen für den Startplatz 1:

  • Die Ehre, diesen Wettbewerb zu eröffnen, hat…
  • Auf dem ersten Startplatz hat man ja angeblich eh keine Chance, er*sie kann also jetzt machen, worauf er*sie am meisten Bock hat…
  • Hat vom Startplatz 1 die beste Ausrede, wenns nicht fürs Finale reicht…:
  • Weil er*sie besonders rockt, eröffnet diesen Abend:
  • Ihr seid vielleicht noch nicht richtig aufgewärmt, aber wenn es eine*r schafft, euch in Stimmung zu bringen…
  • Wir haben ihn*sie auf den Startplatz 1 gelost, weil wir ihn*sie so lieben/hassen/[sonstigesVerb]

The points are not the point (the point is poetry)

aka wir finden den wettbewerb alle doof

Wir machen den Wettbewerb natürlich nur für’s Publikum, und es ist auch sinnvoll, das mal zu erwähnen. Und „the points are not the point“ war mal ein schön formulierter Satz, aber so langsam ist es wie ein guter Song der 80er im Radio: Einfach zu oft gespielt.

Alternativ-Phrasen für die Punkte:

  • Die Abstimmung ist uns ja eigentlich völlig wumpe, uns gehts nur um die Freigetränke
  • Die Noten sind wie im Abitur: Danach interessiert sich eh keiner mehr dafür
  • Die Punkte sind eh nur dafür da, um die Sätze voneinander abzugrenzen

Das zerstört Existenzen

nach einem Probe 1-Punkte-Applaus

Ab und zu variiert zu „das tut weh“, oder ähnlichen emotional vereinfachten Aussagen zu der gefühlten Schmerzhaftigkeit eines 1-Punkte-Applauses. Sorgt irgendwie trotzdem immer noch für kleine Lacher beim Publikum, obwohl niemand so richtig weiß, warum.

Unsere Alternativ-Phrasen beim 1er-Applaus:

  • So hat mein*e Ex auch geklatscht, als wir uns getrennt haben
  • Da hättet ihr auch einfach nervös hüsteln können, das wäre aufs Gleiche herausgekommen
  • Da könnt ihr der*m Auftretenden auch gleich ein Küchenmesser in den Bauch rammen
  • Das klingt wie auf dem Parteitag der SPD

Applaus für den*die Poet*in, nicht für die Wertung

Aka das war ne richtige Scheiß-Wertung

Wird meist zuerst eingesetzt, nachdem jemand so richtig verkackt hat. Danach dann, aus Fairnessgründen, auch bei den Reißer-Texten, wo es noch ein bisschen komischer wird. Warum soll ich denn nicht für eine geile Wertung klatschen, die eine Performance verdient bekommen hat?

Natürlich ist die Aussage im Grunde wichtig und gut, gerade wenn Neulinge auf der Bühne eine schmerzhafte Wertung bekommen haben.

Trotzdem Zeit für eine Alternativ-Phrase:

  • Einen Applaus für den Menschen auf der Bühne, nicht für die Jury-Zahlen
  • Einen Applaus für XYZ und dafür, dass er*sie da war!

In [Nachbarstadt] wäre das schon ein 10er-Applaus

Funktioniert besonders bei Halle/Magdeburg, Köln/Düsseldorf und anderen Feindschaften

Der gute alte Lokalpatriotismus funktioniert halt immer. Schaut euch die Trottel in [Nachbarstadt] an, die sind ja so viel lamer als ihr. Diese Phrase ist das Slam-Äquivalent des Rockstar-Rufs „[Stadt], ihr seid das beste Publikum der Welt!“. Stimmt, das haben die bestimmt mit allen anderen Städten verglichen.

Unsere nicht-stadtbezogenen alternativen Phrasen:

  • Beim Musikantenstadl wäre das jetzt vielleicht ein 10er-Applaus
  • Wenn ihr nur halb so viele Menschen wäret, wäre das jetzt ein 10er-Applaus
  • Beim Fortbildungsseminar für Finanzanlagenverwaltung der Sparkassen-Angestellten wäre das jetzt vielleicht ein 10er-Applaus

Wir machen 5 Minuten Pause, in 10 Minuten sind wir wieder hier und in 15 Minuten machen wir weiter

Sag halt gleich, dass du dein Publikum nicht im Griff hast

Auch variiert zu: „Wir machen eine fünfminütige Pause von zehn Minuten und sehen uns in 15 Minuten wieder.“

Wir sind ja ach so entspannte Leute, klare Pausen-Ansagen, wer braucht das schon? Ob die Leute jetzt oder später wieder kommen, ist doch völlig egal! Wir können ja eh nicht einschätzen, wie lange sie an der Bar brauchen…

Es ist natürlich ein netter Spruch, den wir, zugegebenermaßen, auch schon öfters benutzt haben. Aber ehrlich gesagt, ist das ganz schön bescheuert. Eine gute Moderation weiß, wie lange die Pause dauern sollte. Und das Publikum sollte es dann auch wissen.

Und wenn es dann doch 5 Minuten länger dauert, dann hat ohnehin niemand genau auf die Uhr geguckt…

Unsere Alternativ-Phrasen zur Pause:

  • Wir machen eine höchst präzise gemessene 10 Minuten-Pause, wer danach nicht wieder da ist, muss auf die Bühne
  • Wir machen 5 Minuten Pause und gewähren euch weitere 5 Minuten Kulanz, danach müsst ihr nochmal Eintritt zahlen
  • Wir machen 10 Minuten Pause, und dann stelle ich mich so lange stumm auf die Bühne und starre euch wütend an, bis alle wieder sitzen

Die erste Frau des heutigen Abends…

außerdem dabei: der erste blonde Mensch auf der Bühne, und der erste Mensch mit 48er Schuhgröße

Wenn einem zu einer Auftretenden nichts anderes einfällt, als dass sie weiblich ist, dann kann man es auch gleich lassen. Wenn man mehrere weibliche Menschen im Lineup hat, dann ist sowieso egal, wann die erste davon auftritt. Und wenn man nur eine Frau (und dann auch noch sehr spät im Lineup) dabei hat, dann ist das vielleicht nicht unbedingt etwas, das man stolz hervorheben sollte.

Es gibt ja schließlich genug andere Möglichkeiten, jemanden anzumoderieren:

Dinge, die man stattdessen sagen kann:

  • …hat die Soundso-Meisterschaften zerflext
  • …kommt aus [Stadt], und kommt trotzdem hierher
  • …macht super-deepe Lyrik / großartige Schenkelklopfer / bestes Storytelling etc.
  • …mag besonders gerne Sphinxen und hasst Einhörner
  • …hat sehr viel mehr Stil als ich
  • …ist die erste Frau des Abends, weil ich es schon wieder nicht hingekriegt habe, ein halbwegs ausgeglichenes Lineup zusammenzustellen

Liebe Jury, lasst euch bloß nicht beeinflussen, liebes Publikum, beeinflusst die Jury so gut ihr könnt.

Classic.

Soll darüber hinwegtäuschen, dass das Credo „das Publikum entscheidet, wer ins Finale kommt“ bei einer fünf bis siebenköpfigen Jury gar nicht wirklich zutrifft. Und versucht gleichzeitig, Fairness durch konstante Jurywertungen herbeizuzaubern.

Das ist ein ziemlicher Spagat. Man könnte natürlich auch einfach andere Abstimmungsmethoden nehmen. Oder zumindest eine andere Phrase. Denn die ist zwar an sich ganz gut. Haben wir aber wirklich schon oft gehört.

Unsere alternativen Phrasen:

  • Liebes Publikum, ihr könnt die Jury immer noch mit Applaus oder Bargeld bestechen. Liebe Jury, wenn ihr euch bestechen lasst, kommt ihr auf die schwarze Liste
  • Liebes Publikum, wenn euch eine Jury-Wertung nicht gefällt, pöbelt sie an, pfeift sie aus und empört euch! Liebe Jury, ignoriert den Pöbel und sein verqueres Demokratieverständnis, die haben keine Ahnung von Qualität

„Einmal Handzeichen bitte: Wer war schonmal auf einem Poetry Slam? … Wer noch nie? … Und wer meldet sich aus Prinzip nicht?“

gefolgt vom Regel-erklären, selbst wenn sich bei „Wer noch nie“ kein Mensch gemeldet hat

Gerne ergänzt bei den „nie“-Leuten mit einem „wo wart ihr die letzten 10 Jahre?“

Eines Tages werden wir vielleicht unserem Publikum nicht mehr die Regeln erklären müssen. Eines Tages wird das vielleicht so selbstverständlich sein, wie ins Kino zu gehen. (Man wird ja noch träumen dürfen.) Die Handheb-Abfrage ist bis dahin ja durchaus sinnvoll.

Und der Witz bei offensichtlicher Differenz zwischen Gesamtpublikum und Handhebungen liegt quasi auf der Hand. Dementsprechend oft wurde er schon gemacht.

Alternative dumme Sprüche für die Nicht-Handheber*innen

  • …und wer hat sich in der letzten Saison hier schon so oft auf die erste Frage gemeldet, dass ihr euch denkt „so langsam müsstest du mich doch kennen“?
  • …und wer hat seine Hände gerade anderweitig beschäftigt?
  • …und wer hat keine der beiden Fragen verstanden?
  • …und wer hat das Prinzip mit dem Hände-heben noch nicht verstanden?

„Glaubt man manchmal nicht, aber die sehen wirklich so aus“

Zur Erklärung der Kostümregel bei normal aussehenden Menschen

Hahaha guckt euch diese Poesie-Lauchs an, die sehen wirklich völlig crazy aus nicht wahr, ist aber keine Verkleidung! Die sehen wirklich so aus!

Also meistens: Sie tragen ein Shirt und eine Hose. Ehrlich: So einen verrückten Kleidungsstil haben die meisten Slammer*innen wirklich nicht. Nicht genug jedenfalls, um diesen Dauerbrenner von Bühnen-Phrasen zu rechtfertigen.

Alternativen zur Kostüm-Regel

  • In grober Missachtung dieser Regel haben sich alle in durchschnittlichen Mainstream-Klamotten verkleidet, normalerweise sehen die nicht so aus.
  • Diese Regel wird automatisch befolgt, weil die alle viel zu wenig verdienen, um sich extra Kostüme zuzulegen.
  • Wenn jemand hier mit einem Hut ankommt, den er/sie bisher nicht getragen hat, dann sorgen wir dafür, dass der ab jetzt mindestens 30 Tage durchgehend getragen wird.

Andere Slam-Phrasen, die mancherorts überstrapaziert werden:

Bei der Recherche fiel uns auf, dass die Phrasenverwendung sehr regional unterschiedlich ist. Was im Süden Deutschlands bei jedem einzelnen Slam gesagt wird, hat im Norden noch niemand jemals gehört. Hier eine (sicher unvollständige) Liste dieser Schmankerl. Für ein bisschen kulturellen Austausch, vielleicht kann man es ja einfach mal umdrehen.

Weil wir außerdem zu faul waren, Alternativphrasen für mehr als die sechs größten Faux-Pas zu suchen, finden sich hier einfach alle anderen, die wir für nicht krass genug gehalten haben, in einer handlichen Liste:

  • Es war zwar eine leichte Tendenz zu hören, aber wir machen trotzdem einen Power-Applaus / Schinken-Applaus. (Die Tendenz ist effektiv nicht dagewesen)
  • „Respect the Poet“ – das ist ausländisch und heißt / das ist französisch und heißt… (ahahaha ihr versteht das Prinzip.)
  • Ich sag Poetry, ihr sagt Slam (Publikumsinteraktion yeah)
  • Zu gewinnen gibt es… ewigen Ruhm (Und die Schnapsflasche vom Hauptsponsor)
  • Klatscht ihn/sie auf die Bühne mit einem 10-Punkte Applaus

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