Was sind die Poetry Slam Regeln?

Fangen wir mal ganz von vorne an: Ein Poetry Slam ist ein Wettstreit zwischen Dichter*innen. Und wie bei jedem Wettbewerb gibt es natürlich auch hier Regeln – meistens heißt es „drei Regeln“. Aber das stimmt nicht ganz.

Denn ja, die Poetry Slam Regeln sind offiziell meist tatsächlich als folgende drei zusammengefasst:

  1. Keine Requisiten
  2. Zeitlimit
  3. Eigene Texte

Aber was heißt das genau? Gibt es Grauzonen? Und ist es damit wirklich schon getan? Nein – denn tatsächlich gibt es einige andere, teils implizite Regeln.

Die Requisiten-Regel: Keine brennenden Hamster

Bei einem Poetry Slam stehen die Slammer*innen mit ihren Texten im Mittelpunkt – schließlich ist es kein Theaterstück. Deshalb sind Kostümierungen und jegliche Requisiten in der Regel tabu. Klassisches Beispiel: Hier werden nur Texte vorgetragen, nicht mit brennenden Hamstern jongliert.

Wichtigste Ausnahme: Das Textblatt. Und da fängt die Grauzone schon an. Denn Textblatt ist nicht zwingend definiert als eine bedruckte A4-Seite und fertig. Manche Leute lesen aus ihren (eigenen) Büchern ab. Lasse Samström liest gerne von einer langen, aufgerollten Kassenzettelrolle. Und ab und zu vergisst jemand sein Textblatt und liest vom Handy ab. Ist das erlaubt?

In der Regel: Ja. Die meisten Slam-Master*innen lassen alles durchgehen, was nur als Medium genutzt wird, um davon den Text zu lesen. Kritisch wird es, wenn das Medium selbst zum Inhalt wird. Zum Beispiel, wenn der Text die Allmacht des Smartphones behandelt, und dass niemand mehr per Hand schreibt – und der Text vom selbigen Smartphone abgelesen wird. 

Kürzlich fragte ein Poet in der internen Slam Poets-Gruppe, was mit einem Briefumschlag sei. Könne man den Text während der Performance aus dem Umschlag holen? Wer streng ist, könnte sagen: Nein. Solange der Text nicht auf dem Umschlag selbst steht. Kriterium sei, so die vorherrschende Meinung, dass es ein Medium sei, welches beschriftet zum Textvortrag genutzt werde. Was Ortwin zu der (ironischen) Aussage veranlasste, wenn er jetzt eine tote Katze mit seinem Text beschreibe, sei das ja seine Textkatze. Ist also nicht so einfach. Paul Weigl nutzte vor einigen Jahren bei der Meisterschaft einen kreativen Umgang, indem er auf die Rückseite seines eigentlichen Textes einen Penis malte – und dieser damit dem Publikum sichtbar wurde. Als kreative Grenzüberschreitung wurde es akzeptiert.

Was ist mit sonstigen Requisiten und Kostümen? Absolut verboten. Als Kleidung darf man auf der Bühne nur tragen, was man auch sonst üblicherweise trägt. Schick machen ist okay. Clownskostüm nicht. Nun, außer der spezielle Slam sagt etwas anderes. Der Schall & Rauch zum Beispiel.

Das Zeit-Limit: „gefühlte sechs Minuten“

Die Auftretenden haben „genau sechs Minuten“ Zeit für ihren Beitrag, heißt es in der Moderation gerne. Je nach Poetry Slam. Manchmal sind es auch nur fünf. Ein andernmal sieben. Und manche Slam-Master*innen nehmen es auch gar nicht so genau und stoppen nicht wirklich die Zeit. Dann gucken sie erst auf die Uhr, wenn sie das Gefühl bekommen „ui, das könnte lang werden“, und messen erst ab dann.

Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel die Meisterschaften, bei denen auf die Sekunde gemessen wird. Bei den Berlin-Brandenburger Slam Meisterschaften zum Beispiel: Erst ändert sich das Bühnenlicht als letztes Signal, 15 Sekunden später wird ein Störgeräusch eingeblendet. 

Es ist also durchaus wichtig, die Länge seiner Texte zu kennen – inklusive der eigenen Anmoderation und eventueller Lacher. Denn gemessen wird in der Regel ab dem ersten Wort. 

Wie es genau gehandhabt wird, entscheidet aber immer der/die jeweilige Host. Wenn es nicht schon in der Info-Mail stand, fragt also einfach bei Ankunft nochmal nach.

Nur eigene Texte: Weder Goethe noch Bushido

Dass nur eigene Texte vorgetragen werden dürfen, ist eigentlich selbstverständlich. Gedichte-Plagiat ist absolut verboten. Natürlich kennt nicht jede*r Slam-Master*in alle jemals geschriebenen Texte – aber leg es nicht darauf an.

Was allerdings erlaubt ist: Zitate. Ein „Zeiten ändern sich – Zeiten ändern disch!“ oder ein „wer reitet so spät durch Nacht und Wind“ kann man natürlich an geeigneter Stelle unterbringen. Wichtig ist dabei: Es muss „kenntlich gemacht werden“. 

Nein, du musst keine Fußnote mit voller bibliothekarischer Angabe vor deine Schuhe stellen. (Wäre auch eine Verletzung der ersten Regel.) Der Name reicht. Tatsächlich: Manchmal kannst du sogar den weglassen. Nämlich, wenn offensichtlich ist, von wem es stammt, oder das angenommen werden kann. Eine entsprechende Intonation des Zitats oder Gänsefüßchen in der Luft helfen auch dabei, die fremde Quelle zu verdeutlichen. Wenn du unsicher bist: Frag die Kolleg*innen im Backstage.

Vierte Regel: Kein Gesang

Was, es gibt noch eine vierte Regel? Jap (außer du bist beim Song Slam). Hier geht es um Spoken Word, nicht um Gesang. Egal, ob von dir selbst geschrieben oder von deiner Lieblingsband: auch hier werden höchstens Zitate akzeptiert. „Zitathafter Gesang“, heißt das dann. Also zum Beispiel eine Zeile aus dem Refrain. Da trifft dann im Übrigen auch zur Kenntlichmachung das Gleiche zu wie bei Text-Zitaten. 

Warum das Ganze? Wenn du sehr gut singen kannst, verschafft dir das einen Vorteil gegenüber den Anderen. Denk an Pop-Songs: Die sind beliebt, obwohl die Texte oft ziemlicher Unfug sind. Hier geht’s aber um die Texte. Und wenn du schlecht singen kannst, dann will es einfach niemand hören.

Und was ist mit Rap? Tja, da ist wieder die nächste Ausnahme. Acapella-Rap ist letztlich sehr nah an gereimter Lyrik. Heißt ja auch Sprechgesang. Wo zieht man da die Grenze? Eben weil das so schwierig ist, wird hier Rappen meistens nicht als Gesang interpretiert, ist also erlaubt. Es gibt sogar Rap-Slams.

Publikums-Regel: Respect the Poet

Die wichtigste Poetry Slam Regel für das Publikum ist Respect the Poet: Sie sorgt dafür, dass während deinem Auftritt alle ruhig sind und du zumindest einen Anstandsapplaus kriegst. Gebuht wird nicht. Selbst wenn du, ehrlich gesagt, wirklich schlecht warst, sollst du wenigsten ein Mindestmaß an Respekt bekommen, dafür dass du auf der Bühne stehst.

Das gilt letztlich aber natürlich auch für dich, nicht nur wenn du im Publikum sitzt: Wenn deine Kolleg*innen auftreten, solltest du dich nicht laut im Backstage unterhalten, wenn man das vorne hört. Oder gar buhen. Selbst wenn du den Text vielleicht nicht gut finden solltest und den Sieg unverdient, verhalte dich fair. 

Die ungeschriebene Regel

Lange haben wir es nicht für nötig gehalten, diese Regel aufzuschreiben, aber offenbar gibt es doch manche Menschen, die das noch brauchen: Hass-Reden auf Minderheiten haben keinen Platz auf unseren Bühnen. Verfassungsfeindliche Texte ebensowenig. Natürlich hat jede*r Meinungsfreiheit. Aber das garantiert einem nicht das Recht, damit auch auf unseren Bühnen aufzutreten.

Im Zweifel haben daher Slam-Master*innen natürlich auch die Möglichkeit, dich nachträglich zu disqualifizieren, wenn du gegen geltendes Recht verstößt oder aktiv zu Hass oder Gewalt aufrufst.

Gibt es hier eine Grauzone? Natürlich. Zum Beispiel bei Texten, die sehr schwierig anfangen und wir uns schon denken „oh je, das geht aber in eine ganz falsche Richtung“. Und dann kommt plötzlich ein Twist. Gute Satire, literarische Kniffe und Perspektivenwechsel sind natürlich künstlerisch durchaus erlaubt. Wenn du einen solchen Text hast, sprich vielleicht einfach vorher mit den Hosts darüber – so sind sie vorbereitet und müssen nicht überlegen, ob sie deinen Beitrag gar noch während des Textes abbrechen müssen. Aber nicht alles, was grenzüberschreitend ist, ist Satire.

War’s das dann?

Ja, tatsächlich. Einzelne Poetry Slams mögen ihre eigenen speziellen Regeln haben. Aber allgemein gilt: Ob Prosa, Lyrik, ernst oder lustig, ob Dada oder sogar ein selbstgeschriebenes Kochrezept: Alles kein Problem. Du darfst auf dem Boden sitzen oder liegen, mit Mikro oder ohne sprechen, das Mikro in die Hand nehmen oder den Mikroständer nutzen. Und, ganz ehrlich: So mancher kreative Regelbruch hat den Abend auch bereichert. Selbst wenn man dafür qualifiziert werden musste.