Wozu Wettbewerb und Abstimmung beim Slam?

Ob Poetry Slam, „Kunst gegen Bares“, „Dead vs. Alive“ – das Wettbewerbs-Prinzip, das man früher nur im Sport kannte, hat festen Einzug in die Kunst gefunden. Immer wieder hören wir von Zuschauenden, ob das denn nötig sei, diese Competition. Und ob das überhaupt fair sei. Wollt ihr eine kurze Antwort? Nein. Wollt ihr die lange Antwort? Das ist gar nicht so einfach – und es hängt vom Abstimmungssystem ab.

Warum macht ihr eigentlich dieses Wettbewerbs-Ding beim Poetry Slam? 

Fragt man Poetry Slammer*innen, ob dieser Wettbewerb zwischen eigentlich unvergleichbaren Kunstwerken nötig sei, antworten die Meisten simpel: Nein, nötig ist das nicht. Und, so schieben sie nach, ihnen sei das eigentlich auch gar nicht wichtig. „The Points are not the Point.“ Man mache das nur für die Bühne, freue sich höchstens darüber, nochmal im Finale auftreten zu können.

Das stimmt natürlich nicht immer.

Auch unter Slammer*innen gibt es natürlich unterschiedliche Charaktere, und selbst der größte Konsens wird immer Ausnahmen haben. Aber die Meisten von uns sehen sich und ihre Kunst durchaus gerne so: dass es ihnen völlig gleichgültig ist, ob sie gewinnen oder nicht. Meistens geht es doch um nichts. Warum lassen wir die ganze Abstimmerei dann also nicht ganz sein?

Vorteile des Wettbewerbs

Ganz einfach – weil die Vorteile offenbar trotzdem überwiegen. Genaugenommen sind es drei Aspekte, die das Konzept so erfolgreich machen, dass das Prinzip auch auf andere Formate angewendet wird: Science Slam, Comedy Slam, Philosophy Slam, Dead vs. Alive, Kunst gegen Bares… Hier sind die Gründe für den Erfolg des künstlerischen Wettstreits:

Dichter-Wettstreit macht uns zu besseren Künstler*innen

Das Feedback des Publikums ist viel direkter als in wettbewerbsfreien Formaten. Während und nach einer Performance merkt man ziemlich deutlich, ob ein Text gut funktioniert, oder nicht. Besonders im Vergleich zu anderen Texten. Natürlich spielt eine Menge Zufall in das Ergebnis (siehe unten). 

Aber wenn bestimmte Slam-Texte und Personen ständig abräumen und andere nie, dann hat das meist Gründe. Und so nehmen wir unsere Texte von Bühne zu Bühne und arbeiten mit jeder Performance und jedem neuen Gedicht daran, bessere Ergebnisse zu erzielen. Heißt: Lustige Poet*innen schärfen ihre Pointen. Lyriker*innen verbessern ihre Sprachkraft und Stilistik. Und sogut wie alle versuchen, ihre Inhalte besser zu vermitteln. 

Der Wettbewerb ist der Grund, dass unsere Texte zugänglicher als klassische Gedichtbände sind. Er ist der Grund, dass unsere lustigen Kolleg*innen durchschnittlich mehr Botschaft und / oder Wortwitz haben als Fernsehcomedians. Er ist der Grund, dass Meisterschafts-Texte von vor 15 Jahren heute teils keine Chance mehr hätten. Denn man kann über die „Verflachung“ oder „Ver-comedy-sierung“ der Szene sagen was man will: Die Qualität von Metrik, Stil und (meistens) Inhalten verbessert sich stetig.

Denn:

Wir sind eben auch nur Menschen

Und Wettbewerb stimuliert. Spätestens, wenn es um Landes- oder deutschsprachige Meisterschaften geht, ist uns der Sieg eben meist doch nicht so egal. Es ist einfach euphorisierend und schön, ab und zu eine Bestätigung für die eigene Kunst zu bekommen. Zu wissen, dass Leute sich die Hände wund geklatscht haben, damit man diese Schnapsflasche gewinnt. Natürlich muss das nicht jedes Mal sein. Natürlich gönnt man es auch anderen Poet*innen, einen mit einem guten Text zu schlagen. Und sicherlich gibt es auch Menschen, die tatsächlich völlig neutral und wettbewerbsfrei in den Ring steigen. Aber trotz aller „die Slamily hat sich lieb“-Rhetorik: Natürlich gibt es auch hier ein bisschen Konkurrenz. Ein bisschen Neid auf den Text, der mit (in unseren Augen) billigen Tricks den Sieg erringt. Wir sind halt auch nur Menschen. Und ab und zu eine tosend-euphorisierte Menge vor sich zu haben, die alles dafür gibt um dir zu zeigen, dass dein Text der Beste war… nun, natürlich ist das auch geil.

Man braucht nicht erst einen großen Namen, um in vollen Hallen zu lesen

Während klassische Lesebühnen und selbst Lesungen mancher Bestseller-Autor*innen froh sind, wenn sie über 50 Zuschauende haben, knacken Slams regelmäßig mehrere Hunderter, teils über Tausender-Marken. Um da aufzutreten, muss man keinen übergroßen Namen haben. Das Konzept sorgt dafür, dass niemand mehr als 10 Minuten eigenes Programm haben muss. Einfach, weil im Wettbewerb naturgemäß mehrere Menschen gegeneinander antreten müssen. 

Denn:

Ihr wollt es ja nicht anders

Wenn ihr, liebes Publikum, uns fragt „ob das nicht auch ohne Wettbewerb geht“, fragt euch bitte selbst: Wie oft ward ihr im letzten Jahr auf einem Slam? Und wie oft ward ihr auf einer Lesebühne?

Unabhängig von den Vorteilen, die der Wettbewerb für uns direkt selbst hat oder nicht hat – er ist vor allem für’s Publikum. Wir haben schon einige Slams und einige nicht-kompetitive Veranstaltungen gestartet, und glaubt uns: Jede Lesebühne braucht doppelt so viel Werbung, um die Reihen voll zu kriegen. Die Möglichkeit, mit der eigenen Stimme (wobei das bei manchen Abstimmungssystemen ja auch nur begrenzt der Fall ist, siehe unten) den Verlauf des Abends zu beeinflussen: Das macht den Zuschauenden Spaß. 

Ja, ein bisschen ist es auch Hype, und der Begriff „Slam“ an sich zieht einfach. Aber das passiert ja nicht ohne Grund. Wenn plötzlich alle Menschen eher als Gast bei Lesebühnen auftauchen würden, dann würde das Wettbewerbsprinzip so schnell wieder aus der jungen Literatur verschwinden, wie es aufgetaucht ist.

Und, letztlich ist das der Hauptgrund. Denn ohne Publikum sind wir nur ein Haufen Leute mit Texten, ohne Bühnen, ohne Veranstaltende, ohne Mikro und wahrscheinlich auch ohne Geld 🙂

Nachteile des Wettbewerbs

Gut, aber alles hat ja bekanntlich zwei Seiten. Und auch das Wettbewerbs-Prinzip im Poetry Slam hat natürlich seine Nachteile:

Mainstreamisierung

Wer seine Texte allein an der Gunst des Publikums ausrichtet, beugt sich dessen Autorität. Manche Tricks funktionieren einfach immer und immer wieder, besonders bei einem fluktuierenden Publikum. Wenn es nur noch darum geht, die höchsten Punkte zu erreichen, warum sollte man dann ein stilistisches Erfolgsprinzip ändern? 

Die Gefahr dabei ist, dass die künstlerische Innovation verloren geht. Dada, Meta-Ebenen, das Spiel mit dem Regel-Bruch… schon komplexere Reimschemata können in einem 6-minütigen Spoken Word Auftritt komprimiert ziemlich schwer zu fassen sein. Besonders, wenn man als Zuhörer*in noch nicht so viel Erfahrung hat. Texte, die ein bisschen experimentierfreudiger sind, werden deshalb oft „abgestraft“. Und das wiederum schreckt Poet*innen ab, sich darin zu probieren.

Auch die viel beschworene Comedyfizierung spielt hier rein: Für einen Text, bei dem man sich zu Tode gelacht hat, klatscht man einfach leichter voller Euphorie als bei einem Text, nach dem einem sich der Kopf dreht und die Tränendrüsen zu arbeiten beginnen.

Unfairness

Nicht nur, aber auch weil die Bewertung grundsätzlich vom Publikum ausgeht (was mal mehr, mal weniger Erfahrung hat), gibt es einige Faktoren, die die Wertungen „unfair“ beeinflussen. Natürlich heißt das nicht, dass irgendwer dem Publikum die Bewertung wegnehmen will. Eine „Profi-Jury“ führt langfristig tendenziell zu genau der Elite-Literatur, die hochdotierte Literaturpreise an Texte verleiht, die kaum ein Mensch liest. 

Was ein objektiv „guter“ Text ist, ist ja auch gar nicht so einfach zu sagen. Das wäre mehr als nur ein eigener Blogeintrag. Tatsächlich haben die Szene-internen Statistik Freaks Björn Rosenbaum und Arne Poeck sich aber ziemlich intensiv damit beschäftigt. Und festgestellt: Bestimmte Faktoren, die nichts mit dem Text oder der Perfomance zu tun haben, haben wahrnehmbare Einflüsse auf die Wertung:

Zum Beispiel der Startplatz. Bei einer Auswertung von 71 Runden der deutschsprachigen Meisterschaften von 2013 bis 2017 stellt sich heraus, dass ein früherer Startplatz durchschnittlich ein Nachteil ist. Leute werten sich (egal mit welchem System) immer ein wenig hoch. Die Wertungen der ersten Startplätze waren durchschnittlich um 1,92 Punkte niedriger als der Rundendurchschnitt. Die letzten Startplätze lagen durchschnittlich um 1,4 Punkte höher. 

Gruppensystem, Stimmung im Saal, Moderation, Aussehen, Getränkepreise…. Die Drittfaktoren sind zahlreich. Wirklich fair ist wohl kein Slam. 

Aber im Laufe der Jahre gab es immer wieder Versuche, das zu ändern – mittels besserer Abstimmungssysteme.

Abstimmungssysteme im Poetry Slam 

Im Grunde haben sich drei verschiedene Ansätze in der Abstimmung durchgesetzt, die in verschiedenen Variationen umgesetzt werden. Welches System wo verwendet wird, ist in der Regel Entscheidung der Slam-Master*innen – denn jedes hat seine Vor- und Nachteile.

ApplausabStimmung (mit großem S für Stimmung.)

Wer sicher gehen will, dass der Saal kocht, der wählt die Applausabstimmung. Je besser der Text, desto mehr Lärm soll das Publikum machen. Eine gute Moderation „eicht“ das Publikum vorab, und trotzdem wird sich die Lautstärke im Laufe des Abends steigern. Für seine*n Favorit*in will man einfach das Beste geben. 

In der Regel findet die Abstimmung hier am Ende einer Gruppe oder der ganzen Runde statt, mit den Poet*innen in Auftrittsreihenfolge auf der Bühne. Wird oft auch in Kombination mit anderen Methoden gemacht und erst im Finale eingesetzt.

Vorteile: Stimmung und Euphorie, jede*r im Publikum wird beteiligt

Nachteile: Oft unpräzise und schwer messbar (selbst mit Dezibel-Messer ist die Lautstärke am einen Ende des Saals anders als am anderen), Übervorteilung von Personen mit lauten Stimmen oder Pfeif-Fähigkeit

Variationen: 

• Gehörlosenapplaus (gut bei empfindlichen Nachbarn, für ein visuell klareres Stimmungsbild oder aus Inklusionsgründen)

• Power- oder 3-Sekunden-applaus (nur die Intensität zählt, nicht die Dauer)

• Applauswelle (Mod läuft hinter den Poet*innen auf und ab, geklatscht wird für den*die Favorit*in, wenn die Mod dahinter steht – bessere Vergleichbarkeit)

• Schinken-Applaus (alle rufen gleichzeitig ein Wort, je lauter desto besser – nur die Stimmen-Lautstärke zählt, nicht Dauer oder sonstige unvergleichbare Geräusche)

Publikums-Jury (die Oligarchen im Poetry Slam)

Exakt und schnell durchführbar: Die Publikums-Jury wird aufgrund ihrer Praktikabilität besonders bei Meisterschaften verwendet. Die 5 bis 7-köpfige Jury wird vorher von Slam-Master*innen oder „Bouter*innen“ ausgewählt und gebrieft. Hier variieren die Ansätze der Zufalls-Auswahl und der sozialen Streuung (möglichst große demographische und erfahrungsbezogene Mischung) von Slam zu Slam. Ein gutes Bouting brieft die Jury nicht nur zum Abstimmungsprozess selbst, sondern auch darin, wie unfaire Wertungen möglichst reduziert werden. Die Wertungsskala geht in der Regel von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut). Wertungen unter 5 werden allgemein als schlecht angesehen (vergleichbar der Schulnote 4).

Die Abstimmung findet hier in der Regel direkt nach den jeweiligen Auftritten statt, die Ergebnisse werden notiert und am Gruppen- oder Rundenende verglichen. 

Vorteile: Wenig Entscheidungs-Spielraum für die Moderation (Abstimmungsautonomie), unanzweifelbare Ergebnisse, Kontrolle über Bewertungskriterien durch das Briefing

Nachteile: Oligarchie (nicht alle werden tatsächlich beteiligt), dadurch kann das Ergebnis von der Mehrheitsmeinung abweichen, schmerzhaft für sehr niedrig bewertete Poet*innen

Variationen

• Streichwertung (Standard – höchste und niedrigste Wertungen werden gestrichen, um Ausreißer von befangenen Personen zu vermeiden)

• Kommanoten (besonders bei Meisterschaften – erhöht das Differenzierungspotential im oberen Spektrum)

• Nicht-quantiative Wertung (nicht ernst gemeinte Wertung z. B. mit Bildern, wie bei unserer Captain Strange Show)

Urnen-Wahl (oder auch: Chips, Hände, Zettel, Rosen, Apps…)

Die demokratischste, aber auch aufwändigste Abstimmungsmethode. Jede*r Zuschauer*in hat gleich viele Stimmen, die auf einen oder mehrere Auftretende verteilt werden können. Das Abstimmungsmedium kann alles sein, was irgendwie zählbar ist. 

In der Regel findet die Abstimmung vor oder in der Pause statt (nach einer Gruppe / Runde), so dass das Team im Anschluss auszählen kann. 

Vorteile: Fairste Publikumsrepräsentanz, weniger schmerzhaft für niedrig-bewertete Poet*innen (weil meist geheim, siehe Variationen), unanzweifelbare Ergebnisse

Nachteile: Aufwand und/oder Materialkosten, Zeitintensität, wenig stimmungsfördernd

Variationen:

• Chips u.ä.: (werden in der Pause in Boxen pro Poet*in eingeworfen. Geheim, begrenzes Manipulationspotential.)

• Hände: (Am Rundenende oder direkt nach den Poeten per Hand-heben, live ausgezählt von der Moderation. Nicht geheim, Manipulationspotential (doppeltes Melden))

• Zettel: (Jede*r Zuschauer*in füllt einen Zettel mit Wertungsnoten pro Poet*in aus – große Differenzierungsmöglichkeiten, wenig schmerzhaft für Niedrig-bewertete, dafür sehr aufwändig)

• App: (Genauso wie Zettel, nur digital. Leichter und präsentabel live in der Auswertung, dafür mehr Aufwand im Vorlauf. Bedingt Smartphone-Besitz. Geschieht zum Beispiel in Borgsdorf.)

• Rosen und andere Wurfobjekte (werden wie z.B. beim Rosenkrieg-Slam besonders im Finale auf eine*n der Finalist*innen geworfen – wo mehr liegen, liegt der Sieg. Mehr Show-Effekt, weniger Differenzierungspotential und (emotional) schmerzhaft für Niedrig-bewertete).

Und was ist jetzt das beste Abstimmungssystem?

Eigentlich gibt es nicht wirklich „das Beste“ – wie beschrieben, hat jedes seine Vor- und Nachteile. Und ohnehin spielen so viele Drittfaktoren in die Wertungen mit rein, dass man kaum von wissenschaftlicher Schärfe ausgehen kann. Aber wir haben beim # 17Ziele Slam in fünf Veranstaltungen den Live-Vergleich gemacht, in der „Volk vs. Junta“-Abstimmung: Ein Gewinn wurde über Chip-Abstimmung und einer über Jurytafeln ermittelt. Einfach, um sowohl die Poet*innen zu ermitteln, die bei der breiten Masse ankommen, als auch jene, die wenige Juror*innen besonders beeindrucken. 

Das Ergebnis war fast immer identisch.