Kreatives Schreiben lernen: Vermeide diese Fehler!

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Kreatives Schreiben ist die Grundlage von Romanen, Kurzgeschichten und natürlich auch guten Poetry Slam Texten. Wir verstehen darunter alle Textarten, die im weitesten Sinne mehr der Unterhaltung als der Information dienen: Also statt Sachbüchern, Journalismus und Aufsätzen. Das heißt natürlich nicht, dass du in kreativen Texten nicht auch Wissen brauchst. Aber dazu später mehr.

Wenn du kreativ Schreiben möchtest, ist es erst mal egal, wo der Text später erscheint: Ob auf einer Slam-Bühne oder zwischen zwei Buchdeckeln. Auch die Stilrichtung und der Inhalt sind erstmal nicht wichtig. (Also, natürlich sind sie wichtig. Aber für den Anfang noch nicht.) Wichtig ist hingegen, dass du dein Publikum ansprichst, es emotional mitnimmst, und auf neue Gedanken bringst. Spannung. Unterhaltung. Emotion. Kurzweiligkeit.

Letztlich ist das Übung: Je mehr du schreibst, desto besser wirst du. Geh auf Poetry Slams und probier dich aus. Verbessere dich. Schreibe Texte und wirf sie weg. Schreib neue Texte. Zeig sie Freunden, Familie, Fremden. Mit jedem Text wirst du besser.

Das ist natürlich ein sehr allgemeiner Ratschlag. Zum kreativen Schreiben gehört natürlich noch viel mehr. Wir haben dazu einen ganzen Online Workshop erstellt, plus Blogbleiträge zur Ideenfindung und dem Weg von der Idee zum Text. Und wir sind noch lange nicht fertig mit allem, was es dazu zu sagen gäbe. Aber sozusagen als Crashkurs präsentieren wir hier:

Die 7 größten Fehler für kreatives Schreiben

Keine Garantie, dass das alle sind. Aber wenn du sie vermeiden lernst, bist du schonmal gut dabei!

Fehler 1: Klischees und ausgelutschte Metaphern. Töte sie.

Auf der Polizeistation lagen Donuts und schlechter Kaffee bereit.

(Zitat: Jeder durchschnittliche Bahnhofskrimi)

Solche Sätze sind nicht kreativ: Denn du hast sie dir nicht ausgedacht. Im Gegenteil. Du hast sie nahezu gleichlautend kopiert, von immer wieder benutzten Standardbildern und Klischees. Wenn du so etwas liest: Bist du dann überrascht von der beschriebenen Situation? Begeistert von der Wortwahl?

Wenn du solche Sätze geschrieben hast, schau sie dir nochmal genau an. Wie kamst du auf die Idee? Warst du je auf einer Polizeistation und hast Donuts und schlechten Kaffee gesehen? Hast du dich je gefühlt als hättest du „eine rosarote Brille“ auf? Oder hast du das nur in anderen Büchern und Filmen und Texten gesehen?

Wer kreatives Schreiben lernen will, braucht Kreativität. Klingt banal. Ist aber gar nicht so leicht: Das Maschinengewehr der Popkultur beschießt unser Gehirn mit so vielen ausgelutschten Bildern, dass wir oft gar nicht mehr merken, was eigentlich von uns selbst kommt. Im ersten Schreibprozess solltest du dich nicht mit so was beschäftigen, es ist okay, erstmal ins Schreiben zu kommen. Aber wenn der Text vor dir aufgebahrt liegt, solltest du die Popkultur-Patronen schleunigst herausoperieren und die Löcher mit lebendigem Material flicken. Das macht deinen Text einzigartig und zu einem Produkt von dir.

Fehler 2: Du wiederholst dich und andere. Break the bubble.

Nazis sind doof, die Welt leidet, und dein Mitbewohner ist lustig

(Zitat: Sehr viele Poetry Slam-Texte)

Stimmt ja alles. Wurde aber trotzdem alles schon gesagt. In jedem zweiten Text an diesem Abend, in jedem dritten Buch und gefühlt jedem Facebook-Post. Das sollte dich nicht davon abhalten, es erstmal aufzuschreiben – Schreibübungen können gar nicht oft genug wiederholt werden. Aber wenn du wirklich Kreativ Schreiben willst, musst du die Blase des allzu oft gehörten durchbrechen.

Dabei geht es gar nicht unbedingt um das „Eulen nach Athen“-Phänomen: Klar brauchst du auf einem Slam nicht wirklich erzählen, dass Nazis doof sind, weil ohnehin die meisten Zuhörer:innen mit dir übereinstimmen. Kann aber ja trotzdem bestärkend sein, zu wissen, dass man nicht alleine ist mit einer Meinung. Das Problem ist aber: Wie oft hat das Publikum das schon gehört?

Manche Autor:innen haben in jedem Text das gleiche Thema. Oder allgemein das gleiche Thema wie alle ihre Freund:innen. Das ist verständlich, wenn es dich sehr beschäftigt. Aber wenn du auf jeder Party das gleiche Gesprächsthema hättest, würdest du dich doch auch langweilen.

Also ja: arbeite dich erstmal an den Themen ab, die dich am Meisten beschäftigt. Das bringt dich zum Schreiben. Aber dann schau dich nach neuen Themen um. Idealerweise etwas, das du selbst noch nie in einem Text auf diese Weise betrachtet gesehen hast. Oder schon sehr lange nicht.

Seien wir ehrlich: Alles wurde schon mal von irgendjemandem gesagt. Nur noch nicht auf jede Weise, und nicht in jedem Kontext. Such dir die seltenen Themen heraus, auch wenn du selbst dich bisher noch nicht so viel damit beschäftigt hast. Gerade dann vielleicht. Und achte einmal darauf, was wie häufig tatsächlich vorkommt. Wann hast du das letzte Mal einen guten Liebestext auf einem Slam gehört? Eben: Das wäre natürlich nicht neu. Aber inzwischen wieder anders.

Fehler 3: Die Moral von der Geschichte. Muss die in kreativem Schreiben gesagt werden?

Und wenn sie nicht gestorben sind…

(Dann sind sie es nach diesem Ende.)

Wenn du nicht nur unterhalten willst, sondern irgendeine Message hast, liegt dir natürlich daran, dass dein Publikum sie auch versteht. Sollte es auch. Wäre ja schade drum. Aber Kreatives Schreiben ist kein Schulaufsatz: Du musst nicht am Ende extra deutlich machen, was die Botschaft war, damit die Lehrerin dir auch ja eine gute Note gibt. Es gilt der Grundsatz: „Show, don’t tell.“ Beschreibe die Situation so, dass man von selbst auf die Idee kommt, was du einem zeigst. Dann brauchst du es mir nicht mehr zu sagen.

Vertrau (ein bisschen zumindest) der Kompetenz deiner Leser- oder Zuhörerschaft. Wenn du lang und breit erklärt hast, wie schwer das Leben deiner Protagonistin mit geschiedenen Eltern war, musst du nicht enden mit: „Scheidungen können Leben zerstören.“ Das wäre so flach wie der Stapel Papier, den du für die Zusammenfassung dieser Message gebraucht hättest. Glaubst du wirklich, man versteht es nicht auch so? Oder fehlt dir nur ein besseres Ende?

Natürlich passiert es mal, dass jemand nicht ganz verstanden hat, worauf du hinauswolltest. Tja, Pech. Ein bisschen Schwund ist immer dabei. Nur wenn es zu häufig vorkommt, hast du vielleicht einen (anderen) Fehler gemacht: den roten Faden verloren zum Beispiel. Oder dein Anschauungsbeispiel war nicht eingängig genug. Dann ändere das. Aber verzichte auf alles, was den Satzanfang „Und die Moral von der Geschichte…“ haben könnte.

Fehler 4: Der Grabbeltisch des Kreativen Schreibens: Von allem etwas, aber alles in Schlecht

In diesem Text geht es um schlechten Rotwein, Depressionen, den Klimawandel, Familie, eine Metapher mit Keksen und Weltreisen. Und Corona.

(Super kompakte Textzusammenfassung)

Das Literaturgeschäft und die Start-Up-Szene haben zwei Dinge gemeinsam: (1) unterbezahlte Selbstausbeutung (darum geht’s hier gar nicht, aber hier zum Beispiel) und (2) den „Elevator-Pitch“. Wenn du eine Idee nicht innerhalb einer Aufzugfahrt der:m Venture-Kapitalgeber:in oder wahlweise einem Buchverlag erklären kannst, ist sie nicht gut. Und mit erklären meinen wir nicht: Alles auflisten, was irgendwie drin vorkommt.

Einer der größten Fehler für kreatives Schreiben ist, zu viel auf einmal sagen zu wollen. Wenn du zehn verschiedene Themen anreißt, weil die ja alle zusammenhängen, und du ganz viele Leute ansprechen willst, wirst du die Leute am Grabbeltisch verlieren. Sie werden (zurecht) weitergehen und schauen, ob sie irgendwo ein Fachgeschäft für das finden, was sie suchen.

Sei das Fachgeschäft. Knöpf dir ein Thema vor und geh in die Tiefe statt in die Breite.

Fehler 5: Nicht schreiben. „Kreatives Schreiben“ besteht aus zwei Teilen.

[ ]

(Zitat: Alle, die mal eine „richtig gute Idee für einen Text“ hatten, aber sie nicht aufgeschrieben haben.)

Wer sich zu viel damit beschäftigt, den Bestandteil „kreativ“ ernstzunehmen, vernachlässigt oft die zweite Hälfte. Um’s Schreiben kommst du nicht herum. Das heißt: Wenn du gerade keine sonderlich kreative Idee hast: Schreib trotzdem. Besser unkreativ schreiben als gar nicht. Du musst das Ergebnis ja erstmal niemandem zeigen.

Profis erkennt man daran, dass sie regelmäßig schreiben. Egal, wie viel sie veröffentlichen. Egal, welche Textart, welcher Inhalt. Schreibübungen helfen hierbei. Schau dafür doch mal in unseren Online Workshop (da gibts auch kostenlose Schnupperübungen!)

Fehler 6: Kreative Grammatik und Rechtschreibung. Wir sind doch nicht in den 70ern.

wer alles klein schreibt um damit die antikapitalistische revolution zu befördern, hatte zwar eine kreative idee, aber geklappt hat’s trotzdem nicht

(Wenigstens war das mit Absicht.)

Behalte dir deine Kreativität für den Inhalt und Stil auf. Bei Rechtschreibung und Grammatik hat sie nichts zu suchen. Das ist nämlich nicht „edgy“ oder „dein persönlicher Stil“ oder „kreativ umgesetzt“. Sondern einfach nur schlecht zu lesen und ablenkend. Wenn du denkst, Kommasetzung behindert dich in deiner Kreativität: Dann lern lieber Noten lesen und musiziere, da kannst du die Pausen kreativ setzen. Wer seine Grammatik umstellt, um einem Reim gerecht zu werden, ist einfach noch nicht gut genug im Reimen. Und bewusst Wörter falsch schreiben ist nur dann sinnvoll, wenn es ein pointierter Wortwitz ist. (Und dann bitte kreativ.)

Wenn dein Text ein Bauwerk wäre, dann sind Rechtschreibung und Grammatik die tragenden Wände und das Fundament. Stilistik sind die Farben und Formen, und der Inhalt ist die Innenausstattung. Niemand wird je ernstzunehmend das „solide Fundament deines Hauses“ loben, weil alle immer auf die kunstvolle Architektur und das Innenleben achten werden. Aber wehe, eine tragende Wand hält nicht: Dann bricht alles zusammen. Und dann bringt dir auch die schönste Innenarchitektur nichts.

Wenn du eine Schreibschwäche hast: Keine Sorge, damit kann man umgehen lernen. Das Team der Alphabetisierungs-Kampagne hilft dir. Es ist okay, noch nicht perfekt zu sein. Gerade bei Kommasetzung geht das vielen so. Dafür gibt es bei Romanen ein Lektorat, und bei Kurztexten für Bühne und Co kannst du auch einfach gute Freund:innen fragen, einmal nachzukorrigieren. Akzeptiere diese Änderungen, wenn die Person sich auskennt. „Ich will aber das Komma anders setzen, wegen meiner kreativen Freiheit“ – das ist Quatsch und sorgt nur dafür, dass der:die Freund:in dir nächstes Mal nicht mehr helfen will.

Fehler 7: Halbwissen und Vermutungen. Fiktion heißt nicht Fake News.

95 % aller fiktionalen Texte enthalten faktische Fehler.

(Oft, weil jemand einfach ein Gefühl als einen Fakt darstellt, so wie diese Prozentzahl.)

Du willst kein Sachbuch schreiben, schon klar. Kreatives Schreiben heißt erstmal auch, sich von der Realität freimachen. Menschen, Orte, Situationen erfinden. Fiktion eben.

Aber Vorsicht: Das heißt nicht, dass du auf eine grundlegende Recherche verzichten solltest. Und das hat zwei Gründe:

  1. Fiktionale Elemente sind viel glaubwürdiger, wenn sie a) in sich schlüssig sind und b) in faktisch korrekte Grundlagen eingebettet sind
  2. Dinge, die du als Fakten darstellst und die nicht offensichtliche Fiktion sind, wird dein Publikum für bahre Münze nehmen – du leistest Fake News Vorschub. Und Leute, die die tatsächlichen Fakten kennen, werden dich gleichzeitig nicht mehr ernst nehmen.

Ein Beispiel zum ersten Punkt: In einem Fantasy-Roman akzeptieren wir alle, dass Zauberei existiert, wissend, dass das Fiktion ist. Wenn aber der Protagonist erst einen Zauberstab braucht, und dann plötzlich ohne Erklärung ähnliche Magie ohne Stock in der Hand vollbringen kann, kommt uns das unrealistisch vor. Es ist nicht in sich schlüssig. Hinzu kommen die faktischen Grundlagen: Die Gesetze der Physik, übliches menschliches Verhalten, wie Technik funktioniert: Wir erwarten auch in einem magischen Roman, dass das der Realität entspricht. Und wenn Fans das Pottersche Gleis 9 3/4 suchen, sind sie enttäuscht , weil es gar keine Plattform zwischen 9 und 10 gibt. (Obwohl niemand enttäuscht ist, dass ein Harry Potter Zauberspruch nicht funktioniert.)

Zum Punkt 2: Gerade in Poetry Slam Texten ist das relevant: Wenn du eine dir wichtige Botschaft vermitteln willst und einen emotionalen Text aufbaust, aber dann einen Fakt verwendest, der einfach nicht stimmt, machst du dich unglaubwürdig. Oder desinformierst dein Publikum. Du willst Umweltverschmutzung anprangern und sagst zum Beispiel einen Satz wie „Jeder Deutsche verbraucht 6 mal so viel CO2 wie ein Inder“? Klingt eindrucksvoll. Ist aber falsch. (Es sind nur etwa 4,9 mal so viel. Außerdem „verbraucht“ man kein CO2, man emittiert es.)

Deshalb gilt: Recherchiere alles. Du hast mal gehört, dass etwas so und so ist? Schreib es nicht einfach auf. Lies wenigstens bei Wikipedia nach.

Und was heißt das jetzt für’s kreative Schreiben?

Ein guter Text ist natürlich mehr als nur die Abwesenheit von groben Fehlern. Und niemand wird über Nacht zum Profi – setz dich also nicht zu sehr unter Druck. Es ist völlig okay, erstmal durchschnittlich zu schreiben. Und dann heißt es: Üben.

Zusammengefasst: 7 Kreativ-Fehler beim Schreiben

7 Fehler beim Kreativen Schreiben, die du unbedingt vermeiden willst

  1. Klischees und ausgelutschte Metaphern nutzen

    Töte alles, was nicht von dir selbst kommt. Du wirst nicht kreativ, wenn du abkupferst.

  2. Wiederholung der häufigsten Themen

    Durchbrich die Bubble von dem, was dich und deine Bubble sonst beschäftigt.

  3. Die Moral von der Geschichte plakativ aufschreiben

    Show, don’t tell: Wenn man die Message noch explizit aufschreiben muss, war die Story nicht anschaulich genug.

  4. Themen-Grabbeltisch statt roter Faden

    Konzentrier dich auf ein tiefes Thema, statt in die Breite zu gehen.

  5. Nicht schreiben

    „Kreatives Schreiben“ besteht aus zwei Teilen. Du musst regelmäßig schreiben (auch wenn’s erstmal nicht gut ist), um dich zu verbessern

  6. Kreative Grammatik und Rechtschreibung

    Kommasetzung ist keine kreative Freiheit. Experimente gehören in den Inhalt und Stil, nicht ins Grundgerüst.

  7. Halbwissen und Vermutungen für gesetzt annehmen

    Fiktion heißt nicht Fake News. Recherchiere umfangreich!


5 Online Workshop dein slam text

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Autor: Kiezpoet Jesko Habert ist seit 2007 als Bühnenpoet aktiv und hat drei Bücher und eine Anthologie veröffentlicht.