Ideale und Slam-Realität zusammenbringen

Irgendwie sind wir ja alle dafür: Nachhaltigkeit. Wir finden Klimaschutz gut, wir befürworten die Gleichberechtigung der Geschlechter, Hunger und Armut in der Welt prangern wir in unseren Texten an. Wir sind doch die Guten. Aber wie sehr bringen wir unsere Ideale tatsächlich auf die Bühne – und in den Backstage?

Manchmal hat man zwar das Gefühl, Eulen nach Athen zu tragen, oder wie auf einem Anti-Nazis-Konzert eine Aussage dazu zu treffen, dass Nazis nicht cool sind. Aber selbst wenn der Großteil unseres Publikums schon mit den Idealen der Nachhaltigkeit übereinstimmt, sind Texte darüber nicht umsonst: Menschen fühlen sich unterstützt und bestätigt darin, weiter so zu handeln, wenn sie (auch auf künstlerische Weise) erneut davon hören. Das ist gut. Auch dafür haben wir zusammen mit Engagement Global eine Reihe von Poetry Slams zu den #17Zielen nachhaltiger Entwicklung gestartet, zu dem insgesamt 32 Poet*innen sich in rund 40 Texten mit den vielen Facetten ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit beschäftigen. 

Aber es gibt einen weiteren Punkt, warum das wichtig ist: Bloß weil wir etwas theoretisch wissen und befürworten, heißt das nicht, dass wir es auch immer bestmöglich umsetzen. Und davon können wir uns selbst nicht ausnehmen! Darum geht es in diesem Post – denn auch wenn wir schon mit der Verbreitung solcher Ideen zum nachhaltigen Fortschritt unserer Gesellschaft beitragen, so wollen wir selbst ja nicht die Letzten sein, die es auch in ihrem Künstler*innen-Leben umsetzen. Liebe Poeten und Poetinnen: Setzt eure Aufrufe auch selber in die Tat um!

Und das ist gar nicht so einfach wie gedacht. Wir selbst sind da keineswegs perfekt – bei der möglichst nachhaltig organisierten #17Ziele-Slamreihe wurden wir aber auf einiges aufmerksam, das wir selbst auch noch verbessern können:

Mobilität auf der Slam Tour

Heimlich träumen wir ja alle von der Bahncard100, und die Anzahl an Texten über die Deutsche Bahn übersteigt vermutlich sogar jene über Social Media. Nur wenige würden auf die Idee kommen, für einen Slam nach Berlin schnell in Frankfurt in den Flieger zu steigen (was sich auch zeitlich kaum lohnt). Bahn und Fernbus sind einfach von der Ökobilanz schon ziemlich gut, je nach Kriterien sind mal Busse, und mal Bahnen besser. (Da geht es dann um Feinstaubbelastung und Fahrzeugauslastung, CO2-Bilanzen und Bodenversiegelung – ziemlich kompliziert, und ehrlich gesagt ist der Unterschied minimal.)

Bahncard-Nutzer fahren rechnerisch auch grundsätzlich mit Ökostrom, auch das ist natürlich super. Und selbst für den Auslandsgig gibt es manchmal Nachtzüge, die super einen Flieger ersetzen. Bei den hunderten von Kilometern, die wir für einen 7-Minuten-Auftritt zurückgelegen, summiert sich das alles aber trotzdem. Hier ist zum Beispiel Atmosfair eine gute Möglichkeit, um zumindest die CO2-Emmissionen zu kompensieren. Das ist meistens recht günstig und wird irgendwo in der Welt eingesetzt (zum Beispiel durch Bäume pflanzen), um eure Emissionen wieder wettzumachen. Kann man als Steuer wahrscheinlich sogar von der Steuer absetzen. (Aber da müsst ihr AIDA fragen, der weiß das besser).

Unterkunft und Verpflegung auf Slams

Auf einer Slamtour ist man gerne mal jeden Tag in einer neuen Stadt. Inzwischen gibt es oft genug Hotels von den Veranstaltenden gestellt, und das ist natürlich vom Komfort her klasse. Aber ihr seht es meist schon an den Hinweisen der Hotels bezüglich der Handtuch-Benutzung: All das tägliche Waschen von Handtüchern und Bettwäsche und tägliche Säubern kostet eine Menge Energie. Jetzt will natürlich niemand, dass ihr deswegen unter der Brücke schlaft. Aber wenn ihr Freund*innen oder Bekannte in der Stadt habt, schlaft doch einfach dort. Die freuen sich über den Besuch, die Veranstalter über geringe Unterbringungskosten und eure Ökobilanz ist gleich ein bisschen smoother.

Mittlerweile ist es zum Glück eine übliche Frage an die Auftretenden, ob bei der Verpflegung „Sonderwünsche“ zu beachten sind, gleich ob Allergien oder Vegetarische / Vegane Ernährung. Nun kann man von einer voll-pflanzlichen Ernährung halten, was man will: die aktuell vorherrschende Massentierhaltung ist weder gut für die betroffenen Tiere, noch die Umwelt. (Hierzu und zu allen anderen Punkten gibt es natürlich sehr viel ausführlichere Erklärungen zu dem warum. Wenn die euch interessieren, schreibt mir gerne, ich habe mich in meinem Nicht-Slam-Leben sehr intensiv damit beschäftigt 🙂 ).

Man muss gar nicht 100% vegetarisch oder vegan sein, um einen Unterschied zu machen. Etwas öfter auf Fleisch zu verzichten würde schon viel ändern. Wenn es die Möglichkeit gibt, ist ein „bevorzugt vegetarisch“ auf die Veranstalter*innen-Frage daher ein guter Mittelweg – dann liegt es an den Veranstaltenden, was sie daraus machen können. 

An alle Veranstaltenden: Oft gibt es vegetarische / vegane Varianten, die auch allen Beteiligten schmecken würden. Das erspart euch die Bestellung verschiedener „Sonderwünsche“ und kann sogar günstiger sein. Schließlich haben Veganer*innen ja kein Monopol auf Gemüse, auch Fleischesser werden von einer guten Gemüselasagne satt.

Geschlechtergleichheit in der Slam-Szene

Nach einer intensiveren Debatte in der Slamily achten mehr und mehr Moderator*innen darauf, nicht-diskriminierend zu moderieren. Formulierungen wie „die einzige Frau im Line-Up“ oder eine rein auf Äußerlichkeiten fokussierte Anmoderation der Teilnehmerinnen sollten 2018 einfach kein Ding mehr sein. Auch das Geschlechterverhältnis in Lineups wird langsam ausgeglichener. Trotzdem kursieren immernoch Wörter wie „Mädchenlyrik“, und in der Profi-Liga ist die Frauendichte deutlich geringer (was natürlich auch gesellschaftliche Gründe hat).

Und auch in unserer kuscheligen Szene gibt es schwarze Schafe: Männliche Veranstalter oder Poeten, die ihre Position gegenüber oft jüngeren Poetinnen ausnutzen und Grund genug für eine eigene #metoo-Debatte bieten. 

Wenn euch sowas auffällt bei einem Slam, sprecht es an: bei den Täter*innen, bei Personen eures Vertrauens. Es gibt inzwischen auch eine Vertrauensgruppe für solche Fälle, die euch weiterhelfen, wenn ihr selbst von ähnlichen Fällen betroffen seid. Egal mit welchem Geschlecht ihr selbst euch identifiziert. Nur so können wir auch in der Hinsicht unsere eigenen Ideale umsetzen. Tolle Arbeit auf diesem Gebiet leisten übrigens auch die Slamalphas.

Gesundheit und Drogenmissbrauch

Als drittes Ziel der #17Ziele auch für uns nicht zu vernachlässigen, nicht zuletzt wenn es auch um Nachwuchs-Poet*innen geht. Themen bei denen wir uns an die eigenen Nasen fassen sollten sind Alkohol und Tabak. Verqualmte Backstage-Bereiche sind weder für Raucher noch für Nicht-Raucher sonderlich gesund, und letztere haben dann oft keine Wahl, als das Stillsteigend zu ertragen oder ins Publikum zu flüchten und den Slam-Tratsch zu verpassen. Hier kann man, gerade als Veranstalter*in, leicht etwas zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen.

Diese Liste ist natürlich keineswegs abschließend. Als Veranstalter*in kann man auch über den Energieverbrauch seiner Location, das Recycling-Papier seiner Plakate und die faire Bezahlung seiner Helfenden nachdenken. Aber es geht eben nicht nur um „die Großen“ – jede*r von uns kann ein bisschen etwas dazu beitragen, unsere Ideale auch in der Praxis umzusetzen. Denn was wären unsere Worte sonst wert?


Die Kiezpoeten haben 2018 zusammen mit Engagement Global die #17Ziele Poetry Slam -Reihe umgesetzt und dabei versucht, die UN-Ziele nachhaltiger Entwicklung möglichst umfassend umzusetzen. Bei unseren regelmäßigen Veranstaltungen schaffen wir das vielleicht nicht immer – aber wir geben uns Mühe.
Foto: EngagementGlobal / Andreas Grasser