Du bist ein junger Poet, eine junge Poetin, und möchtest gerne auftreten. Erstmal in deiner eigenen Stadt, aber eigentlich auch gerne woanders. Also googlest du, oder du bist unter 25 Jahre alt und fragst TikTok, aber so richtig kommst du nicht weiter. Für den Slam in der einen Stadt findest du noch was auf Facebook, für einen anderen einen Ticket-Vorverkauf bei Eventim, der Nachwuchs-Slam zwei Orte weiter hat eine eigene Website, da stehen aber noch die Termine von letztem Jahr drauf. Mega umständlich. Du willst doch einfach nur auftreten!
Und du stellst dir die offensichtliche Frage: Warum gibts eigentlich nicht eine Plattform, wo alle Slams stehen? Mit Datum und Ort und E-Mail-Adresse an die man sich wendet, wenn man dort auftreten möchte? Hat da wirklich noch niemand vor dir drüber nachgedacht?
Spoiler: Doch.
Denn erstmal: Natürlich gibt es solche Plattformen irgendwie. Sie sind halt alle nicht vollständig.
Deep dive History of Slam-Kalender
Das war nicht immer so. Früher, als das Fernsehen noch schwarz weiß und die Mode Neonfarben war, gab es viel weniger Slams als heute. So wenig, dass man sie einfach alle auf einer Website eintragen konnte, und genau das ist passiert.
Der erste große Versuch, die ganze Szene zusammenzubringen, war myslam.de. Hier wurden nicht nur alle Events gelistet, es hatten auch alle Poet:innen einen Account, konnten sich mit einem Slam, bei dem sie auftreten, verknüpfen, und “Erfolge” sammeln. Es war im Grunde eine Social Media Plattform der alten Schule: Da haben Leute miteinander gechattet und sich bunte Profile angelegt, und Slammer:innen Ü30 reden oft nostalgisch von den guten alten Tagen von myslam.de. Wie einfach es war, eine Tour zu organisieren! Man konnte einfach gucken “aha, am 15.9. ist ein Slam in Köln, und am 17.9. einer in Frankfurt, dann schaue ich mal was am 16.9. so los ist, vielleicht gibts da ja einen Slam irgendwo in Rheinland-Pfalz dazwischen, tatsächlich, siehe da, ach der Veranstalter ist Felix Bartsch, na dann frage ich den mal.”
Dass die Plattform irgendwann aufhörte zu existieren, hatte neben Geld auch ein paar andere Gründe, aber dazu später mehr. Es folgten Facebook-Events und FB-Gruppen in denen alle paartausend Slammer:innen Deutschlands aktiv waren, “Hey, ich habe noch einen Startplatz in Essen kommenden Samstag frei” und dann kommentieren und liken die Poets das, und auch das klingt eigentlich ganz einfach. Nur dass halt inzwischen niemand unter 50 mehr auf Facebook ist.
Danach zerfaserte die Slam-Landschaft zunehmend. Neue Veranstaltende traten auf den Plan, und regionale Chatgruppen ersetzten Facebook. Events wurden auf Instagram und den Eventportalen großer Vorverkaufsstellen gepostet, aber eine Gesamt-Übersicht gibt es seit dem nicht mehr.
Warum Poet:innen zentrale Kalender lieben
Alle zwei Jahre meldet sich bei einer deutschsprachigen Meisterschaft ein:e aufstrebende Poet:in zu Wort und schlägt vor, dass so ein Gesamt-Kalender aller Slams Deutschlands doch eine tolle Sache wäre. Sie haben sehr schlüssige, einfache Argumente:
1: Shows mit Offener Liste in ihrer Umgebung finden ist so viel einfacher
2: Touren planen über verschiedene Städte und Veranstaltende hinweg ist so viel einfacher
3: Man kann so viel einfacher neue Bühnen entdecken, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte
4: Veranstaltende könnten so viel einfacher kurzfristige Krankheitsausfälle ersetzen
Also in kurz: Es wäre so viel einfacher. Und das stimmt! Aus ihrer Perspektive. Dabei gilt: Je vollständiger der Kalender ist, desto wertvoller ist er. Natürlich ist es kein Problem, wenn fünf Shows aus Hessen nie eingetragen werden. Aber wenn nur die Hälfte aller Slams überhaupt auftaucht, und je nach Bundesland auf einer unterschiedlichen Seite (dabei will man ja bundeslandübergreifend auf Tour gehen), dann ist das “so viel einfacher”-Argument natürlich passée. Deshalb braucht es, ihrer Meinung nach, eine Gesamtlösung. Eine Plattform für wirklich alle.
Warum Veranstaltende oft anders denken
Aus Veranstaltenden-Sicht gibt es vor allem zwei Gründe, die gegen eine solche Plattform sprechen.
Erstens: der Workload.
Sagen wir, du veranstaltest 2 Shows im Monat. Du möchtest natürlich Publikum haben, alleine deshalb musst du das Event sichtbar machen. Du trägst es also ein auf deiner eigenen Website (die gepflegt werden muss) und bei einem Ticketanbieter wie Eventim, rausgegangen oder Reservix. Einmal im Monat schreibst du vielleicht einen Newsletter, legst die beiden Events auf Facebook an (für die Ü40-jährigen), und auf Instagram (für die 25-40-jährigen), und eigentlich müsstest du auf TikTok für die Ü25-jährigen auch was machen, aber da kennst du dich nicht aus. Dann trägst du es noch auf 2-5 anderen Eventportalen ein, “events in meiner Stadt”, der offiziellen Kulturseite der Stadt o.ä., und lieferst der Location für ihre eigene Website auch noch alle Daten. Wenn du richtig gut bist, schickst du sogar noch eine Pressemitteilung rum. Nehmen wir an, du bist krass routiniert, arbeitest viel mit KI und/oder hast das einfach im Blut, und brauchst nur 10 Minuten für jeden dieser Punkte. Dann sind das bei nur 2 Shows im Monat alleine fast vier Stunden Arbeit. Die Show selbst ist damit noch nicht geplant, das Line-Up nicht gebucht. Willst du jetzt wirklich noch eine weitere Plattform füllen?
Zweitens: die Anmeldungen.
Das ist ein Faktor, den viele Poets unterschätzen. Sie denken sich: Die Veranstaltenden brauchen ja auch Auftretende für ihre Shows, sonst gehts nicht – eine Plattform wo die Auftretenden sie finden, hilft ihnen ja auch. Mehr Sichtbarkeit = mehr Anmeldungen = besser. Das Problem ist der letzte Teil dieser Gleichung. Denn inzwischen gibt es ja nicht nur viel mehr Slams als früher. Es gibt auch viel mehr Slammer:innen. Bei einer normalen Show braucht es aber nur 4-10 Poets. Die Befürchtung der Veranstaltenden ist deshalb: deutlich mehr Touranfragen als man Plätze hat, mehr Enttäuschungen und Diskussionen bei Absagen. Längere Wartelisten für engagierte Locals, die es auch ohne diese Plattform geschafft hätten, und viele Bewerbungen von Menschen, die nicht zur Bühne passen – weil sie vielleicht noch nicht weit genug sind, weil man schon genug Männer/Frauen/x/junge Leute/alte Leute/y im Line-Up hat, oder bestimmte Stilrichtungen schon sehr vertreten sind. Und allgemein: Mehr E-Mails, die beantwortet werden müssen, damit man nicht als unhöflich gilt. Nehmen wir wieder an, du bist krass effizient im E-Mailschreiben oder benutzt KI, und erledigst eine Mail in 3 Minuten. Es gibt im deutschsprachigen Raum rund 700 Poets die sehr aktiv sind, und eine große dreistellige Dunkelziffer weiterer Newcomer:innen. Wenn 5% dich um einen Auftritt anfragen, sind das 3,5 Stunden Arbeitszeit. Gerade etablierte Bühnen haben ohnehin häufig viel mehr Bewerbungen auf Touren oder Offene Listen, als sie unterbringen können. Mehr Sichtbarkeit unter Poet:innen bringt ihnen also gar nichts.
Das Kalender-Dilemma
Poet:innen wünschen sich möglichst viele eingetragene Veranstaltungen.
Veranstalter:innen wünschen sich: möglichst wenig doppelte Pflege, mehr Publikum, nicht mehr Auftrittsanfragen als sie handlen können.
Damit Veranstaltende die Plattform trotzdem nutzen, müssen sie neben Auftrittsanfragen einen anderen, größeren Nutzen haben. Das heißt zum einen: Sie muss möglichst leicht zu befüllen sein, am besten automatisiert durch technische Verknüpfungen mit anderen, existierenden Plattformen. Und zum anderen: Sie muss Publikum bringen. Dafür muss die Plattform gut und groß auch außerhalb der Szene sein, und das wird sie nur, wenn sie umfangreich und vollständig ist – und hier kickt der Netzwerkeffekt: Eine Plattform ist nur gut, wenn viele sie nutzen. Aber viele nutzen sie erst, wenn sie bereits gut ist.
Gibt es Lösungen für das Slamkalender-Problem?
Regional ist das ein bisschen leichter. Wir Kiezpoeten haben zum Beispiel vor einigen Jahren die Plattform slamtermine.de etabliert. Da wir selbst als größter Veranstalter der Region alle unsere Shows dort eintrugen, konnte ein Teil des Netzwerkeffekts aufgehoben werden, und andere Veranstaltende hatten einen Anreiz, ihre Events dort einzutragen – weil wir dafür sorgten, dass slamtermine.de auf Google gut sichtbar ist, und damit Publikumsrelevant ist. Nach vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit daran stellten wir jedoch zwei Dinge fest: außerhalb der Berlin-Brandenburg Region konnten wir kaum andere Veranstaltende überzeugen, sich hier einzutragen. Und: Plattformen zu betreiben und verwalten kostet Geld. Deshalb müssen wir ab 2026 von den Veranstaltenden Geld dafür nehmen, hier ihre Events zu veröffentlichen. Dass einige der Berliner und Brandenburger Organisator:innen bereit sind, einen Anteil der Kosten zu bezahlen, spricht dafür, dass es funktioniert – aber eben nur regional.
Was weiterhin helfen dürfte, ist das Verknüpfen der Plattformen: automatische Schnittstellen oder automatische Einbindungen der angelegten Events in die eigene Website, Importe aus Ticketshops, zentrale APIs. Das erfordert technische Lösungen, die nicht immer einfach sind – vielleicht hilft vibe coding uns in den nächsten Jahren, eine mächtigere Plattform zu schaffen, die den Aufwand der Pflege noch geringer hält.
Eine weitere Möglichkeit, einen Slam-Kalender attraktiver zu machen, ist die Eingrenzung des Auftretenden-Ansturms. Zum Beispiel durch korrekt vergebene tags, die den Künstler:innen auf einen Blick sagen ob Offene Liste Anmeldungen bei dem fraglichen Event gewünscht sind oder nicht. Oder separate Infos, was die Konditionen und Möglichkeit eines Slams sind (z.B. “nur aus der Region”, “Fahrtkosten möglich aber keine Gage” o.ä.). Denn es ist ja nicht so, dass die Veranstalten ihre Events ohne eine solche Plattform geheim halten würden – alle Termine aller Slams Deutschlands sind ja irgendwo online zu finden. Nur halt nicht am gleichen Ort.