Was hat Poetry Slam eigentlich für ein Problem mit Goethe?

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Jetzt ist er schon über zweihundert Jahre tot: Johann Wolfgang von Goethe. Normalerweise wird man höchstens zu Lebzeiten gedisst, aber an ihm arbeiten sich sogar Poetry Slammer:innen heute noch ab. Was ist da los? Ist es nur die allgemeine Überbeschäftigung mit seinem Werk in der Schulzeit, und das allgegenwärtige „Goethe-Haus“ in jedem Dorf mit mehr als 10 Schafen, das uns so Goethe-fixiert sein lässt? Oder kommen wir nicht umhin, uns als Dichter und Dichterinnen an „dem größten deutschen Dichter zu messen“ – und wenn er schon nicht im Wettbewerb antritt, dann muss er eben in unseren Texten auftreten…

Sechs Beispiele (mit Abstand nicht alle, die es gibt!), in denen sich Poetry Slammer:innen Goethe vorgenommen haben – meist sein Werk „Faust 1“. Wahrscheinlich, weil wir alle kaum mehr als das gelesen haben.

Goethe als Opponent. Die Leiden der jungen Slammer

Klassisch: Die Anleihe beim Battle-Rap im Diss gegen die alten Dichter. Damit positionieren sich Poetry Slammer:innen  gekonnt zwischen klassischer Dichtung und modernem Rap.

Die Konfrontation mit Goethe beschreibt Liv Dahl in ihrem Rap-Battle-Gedicht „Du denkst, du disst Goethe, doch er schlägt dich mit der Faust“ aus eigener Perspektive der ehemaligen Schülerin. Mit bissigen Battle-Alliterationen beweist Liv die eigene Handwerkskunst („…denn ich dichte dich in Schit und Dreck“.), und wirft Goethe (halbernst) vor, durch die Schüler-Quälerei mit eigenen Werken die Motivation für andere klassische Autoren zu vernichten („Deine Bücher bringen Schüler zum Leiden, von dem armen Werther ganz zu schweigen, dass sie den Klassikern fernbleiben“). Effiziente Strategie, deine Gegner zu vernichten, Goethe.

Auf inhaltlicher Ebene gehört auch (nicht ganz zu Unrecht) der Werther-Effekt – der Massenselbstmord junger Menschen nach der Suizid-Romantisierung durch Werther – zur Kritik. Rhetorische Frage der Autorin: „Bist du stolz auf dich? Du hast (sie) (A. d. A.) verraten, ihr Leben beendet und Suizid verharmlost“. Ihr Fazit: Goethe sei überbewertet, auch wenn alle Angst haben, das auszusprechen.

Diego Hagen, der auch als Lehrer tätig ist, entzieht sich der persönlichen Perspektive und disst Goethe noch krasser: in seinem Gedicht „Club der toten Dichtaz“ ist Schiller Goethes Opponent. In seinem Text hat er keines der  typischen Merkmale eines Rap-Battles vergessen: bestimmte Reihenfolge der Opponenten, Anwendung von Anglizismen, Fanfaronade mit den Fähigkeiten, Blicke der Frauen anzuziehen, und Sex mit der Mutter des Gegners.

Goethe tritt hier meistens als Frauenheld hervor (na, peinlich, dass die ganze Bevölkerung mehr über deine galante Abenteuer informiert ist, als über deine Schriftstellerei, Goethe?), und zwar mit Anspielungen auf eigene Werke: „Warum ich so viel Mädchen nage? Gretchenfrage!“ („Faust 1“, eventuell sollte die Beantwortung dieser Frage etwas über persönlichen Beziehungen des Antwortenden offenbaren), „Walle! walle manche Strecke, dass zum sexuellen Zwecke ich mir eine Bitch abchecke“ („Zauberlehrling“), „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Das ist deine Mutter auf mir geschwind“ („Erlkönig“).

Damit nicht genug – es gilt noch das Ego von Goethe zu dissen und somit durch Sarkasmus die Überbewertung des Schriftstellers zu zeigen. „Ich bin krasser als das Wasser in dem „Zauberlehrling““, „…lass die Fäuste sprechen, um dich zu quälen: Faust 1 Faust 2 – du kannst wählen!“, „ich bin nicht nur der King dieser Sprache – ich bin diese Sprache!“ – „erwidert“ Goethe seinem Opponenten.

„Faust 1 Faust 2 – du kannst wählen!“, (с) Nune Arazyan

Die Zeile „Stell dich eine Runde in meinem Schatten – der ist riesig!“ zeigt deutlich, dass viele Kulturschaffende oder Kulturphänomene hinter Goethes Figur fast kaum zu sehen sind. Ob mangelnde Genialität der anderen Künstler, geringerer Wert anderer Kulturphänomene oder Überbewertung Goethes hier entscheidende Rollen spielen, entscheidet jeder Leser für dieses 200 Jahre andauernde Battle nun selbst.

Goethe und die Frauen: Die Gretchenfrage?

Was, wenn wir gar nicht die Ersten wären, die sich mit dem übergroßen Johann Wolfgang vergleichen und an ihm abarbeiten müssen? Überraschung, sind wir gar nicht. Und was, wenn Goethe nicht nur Frauenheld war, sondern heldenhaft und geflissentlich begabte Frauen hinter sich verstaut hat? Da wäre zum Beispiel seine Schwester Cornelia, deren Geschichte die Slammerin Marie Radkiewicz volle Aufmerksamkeit widmet. Man könnte sagen: Kritik am Reim-Opponenten durch Einbeziehung weiblicher Verwandter, das hat Battle-Rap schon vorgemacht. Ist hier aber anders – denn es geht um den Mangel an Aufmerksamkeit für Frauen, ihre Errungenschaften und fehlende Gleichberechtigung.

Gleich erzogen wie ihr Bruder, musste Cornelia Schlosser, geborene Goethe, ihr Talent keineswegs hinter seinem verstecken, wie dieser Brief von ihm verrät:

„Ich bin hingerissen von Deinem Brief, Deinen Schriften, Deiner Art zu denken … Ich sehe einen reifen Geist, eine Riccoboni, eine fremde Person, einen Autor, von dem ich selbst ietzo lernen kann … Oh, meine Schwester, bitte keine solchen Briefe mehr, oder ich schweige … Ich gestehe Dir’s, meine ganze Kunst wäre nicht imstande, eine Szene zu schreiben, wie sie Dir die Natur eingegeben hat.“

Doch sie sollte gefälligst enden mit „einem Mann, einem Kind, einem Herd, einem Heim um darin zu verwesen“, wie Marie Radkiewicz die Gedanken der Zeit (und auch Goethes) zusammenfasst.

Immer wieder erklärte er ihr, dass sie ihre Frauenpflicht erfüllen müsse ,was im Konflikt mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit stehe. „Wertlos kam [Cornelia Schlosser ihr] Leben vor und nur mit 27 war es dann wieder schon vorbei. Anbei ist er der berühmteste Dichter Deutschlands geworden“ – stellt Marie Radkiewicz beide Schicksale gegenüber. Trotz genauso großer Begabung stand Cornelia im Schatten des berühmten Bruders, wie so oft in der Geschichte die Ideen und Fähigkeiten von Frauen unsichtbar bleiben.

„Im Schatten des berühmten Bruders“, (с) Nune Arazyan

Die Autorin spricht auch die Tatsache an, dass viele Errungenschaften von Frauen erst dann sichtbar werden, wenn Männer auf die gleich Idee kommen, und dann wird diese Idee dem Mann zugeschrieben, wie es zum Beispiel bei Françoise de Graffigny war. Sie – und nicht Karl Marx! – hatte den Begriff der Gesellschaftsklasse als erste benutzt hat, doch alle kennen Marx als Schöpfer des Begriffs.

Marie Radkiewicz fordert auf, den Weg zur Berühmtheit für Frauen leichter zu machen und zu ermöglichen, dass sie sich trauen, wertvolle Sachen auszusprechen. Fairerweise ist damit die Auseinandersetzung mit Goethe hier eigentlich fast mehr eine Metapher für das allgemeine Problem fehlender Wertschätzung für Frauen – wahrscheinlich war es nicht Maries Absicht, Goethe selbst und allein die Schuld dafür zu geben.

Mephisto auf der Poetry Slam Bühne

Während Literaturwissenschaftler:innen ihren Analyse-Fetisch besonders gerne auf die Figur des Faust richten, richten die Enfants Terribles des Literaturbetriebs – Poetry Slammer:innen – ihren Blick öfter auf Mephisto. Hier geht es nicht mehr darum, sich auf Mephisto-komm-raus mit dem größten Dichter aller Zeiten auseinanderzusetzen. Sondern schlicht um einen spannenden Charakter, der sich auch hervorragend als Vorlage  für moderne Probleme eignet.
Zwei Beispiele:

Das Gedicht von Artem Zolotarov „Goethes Adler-Phantasien“ verweist auf „Faust“ und „Adler und Taube“. Wie auch in Goethes Fabel, werden im Gedicht zwei unterschiedliche Lebensweisen gegenübergestellt: eine Lebensweise, wo Genügsamkeit ein Wert ist, und ein riskantes Leben, das voraussetzt, dass man die Welt im vollen Maß fühlt und versteht. Die Figur des Dichters wird mit dem Adler verglichen. Als der Protagonist im Genuss versinkt und „es stört kein Gestern oder Morgen, nur der Moment, wenn Pegel stimmt“, nimmt er viele Lebensbereiche leichter, jedoch unrealistischer wahr.

Der Protagonist spricht sich aber gegen diese Lebensweise aus, er will „blind und liebend sein“, er will „versaufen in dem Wein, der [ihn] beflügelt und vernichtet“. Er als Dichter will die Welt durch das Leiden, das Fühlen und das Riskieren so nah wie möglich erkennen, um sie zu lieben und darüber zu schreiben.

Im Gedicht von Artem Zolotarov wird Genügsamkeit und Konzentration auf den Moment dem wahren Empfinden der Welt gegenübergestellt. Mephistopheles dient hier als Wegweiser, der sagt, dass der Schlüssel zur Liebe und zum Verständnis der Welt die Poesie ist. Er flüstert: „Kann Liebe wirklich Sünde sein? Ich glaube nein, ich glaube nein“ Warum ist aber Liebe keine Sünde? Vielleicht weil Sünden und Fehler zum Fühlen und zur Erkenntnis des Lebens notwendig sind.

„Die Liebe ging. Gedichte blieben“ – bestätigt Mephistopheles den Gedanke, dass man nicht vollständig leben kann ohne zu leiden, und Leiden ist wiederum notwendig, um Poesie zu schaffen. Die Figur des Mephistopheles wird hier aus einer negativen Gestalt zum Medium zwischen dem Dichter, seiner Kunst und dem Leben.

Wow, ganz schön deep (so kennen wir Artem!). Eine etwas flapsigere Variante der poetryslammistischen Mephisto-Interpretation liefert Ortwin Bader-Iskraut in „Faust 18 ½“, wo Mephisto für soziale Netzwerke steht, die einem verschiedene Eigenschaften zufügen können.

Google repräsentiert Gott und ist sicher, dass die „Menschheit nach Wissen [strebt]“, doch Instagram, Snapchat, Tinder und Pornhub erwidern, dass den Menschen nur seine Triebe bewegen und schlagen vor, dass Google selbst googelt, ob 90 Prozent des Internets wirklich aus Pornos besteht. Der Mensch strebt also nur nach einer bestimmten Art Wissen, das sei „des Pudels Kern“. (Fun Fact: Das ist ein berühmtes Goethe-Zitat, das mit der Zeit zu einem geflügelten Wort wurde und hier wird diese Redewendung im übertragenen Sinn benutzt).

„Kraft, die stets immer das Böse will und aus Versehen das gute schafft“, (с) Nune Arazyan

Den sozialen Netzwerken, über die Mephisto gleichermaßen verstreut ist, gelingt es, den 15-jährigen Johann Schritt für Schritt zu verderben. An dieser Stelle wird nicht nur die Parallele zwischen dem Jungen und Goethe selbst, zwischen dem 15-jährigen Johann und dem historischen Vorbild der Hauptfigur Johann Faust, dem „Schwarzkünstler und Zauberer“ offensichtlich, sondern auch zwischen dem minderjährigen Jungen und der genauso minderjährigen Gretchen, die im Buch nur ein Jahr jünger war (mit 14 war man damals übrigens volljährig).

Einiges haben sie gemeinsam: sie können nicht „nein“ sagen und geben der Sünde nach. Die eigentliche Gretchen, die Johann via Tinder kennenlernt, zeigt sich hier selbstsicherer und nicht bereit, ihre eigene Mutter zu entgiften und keine Verhütungsmittel zu benutzen.

Die verführerische Macht Mephistopheles funktioniert auch nach zwei Jahrhunderten online, also Vorsicht, meine Damen und Herren! Die sozialen Netzwerke, „ [sind] nur ein Teil von jener Kraft, die stets immer das Böse will und aus Versehen das gute schafft“. Die von Ortwin Bader-Iskraut hinzugefügte Formulierung „aus Versehen“ vernichtet die Gegenüberstellung von Gut und Böse und lässt die Frage offen, wie genau soziale Netzwerke auf einen wirken: verderblich oder förderlich.

Auch hier wieder: Der ganze Goethe-Stoff war nur Mittel zum Zweck, um sich mit einem modernen Problem auseinanderzusetzen. Man könnte fast meinen, den Slammer:innen geht es gar nicht so sehr um Goethe. Der alte Herr ist nur ein erweitertes Stilmittel.

Ausdehnung Fausts Enttäuschung

Dass Faust trotz aller Wissenschaft nicht erkannte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ließ ihn enttäuscht zur Magie greifen (und heutzutage hofft man enttäuscht auf Magie von LSD). Im Slamtext von Frank Klötgen und Wehwalt Koslovsky „Faust 3: der Fister“ ist das lyrische Ich, gleich Faust, im Verlauf des ganzen Gedichtes enttäuscht von den Werten der Gesellschaft, in der er lebt.

In einem Drogentrip, durch den der Leser mithilfe von grotesken Metaphern und Neologismen mitgezogen wird, kritisiert Faust die Pracht, das Schubladendenken, die Leichtsinnigkeit und die Schönheitsideale der Gesellschaft („Das ist mein Willen, Margarethe, du von Magersucht durchfurchte Gräte“, „Ja, das ist Deine kleine Welt!“, „Ihr schon zu Lebzeit‘ Aufgebahrten – riecht Ihr denn nicht den Satansbraten?!“).

Ein Ausweg bleibt bis zum Ende des Gedichts nicht sichtbar, denn „in solcher aussichtsärmster Lage stellt nicht mal Gretchen noch eine Frage“. Es kommt zum Fazit, was die Welt im innersten zusammenhält ist ein ungeschriebenes Gesetz: „Wie Ihr auch strebt, seid Euch gewiss: Der Lohn der Tat ist stets Beschiss!“

Wahre letzte Worte! Bleibt die Gretchenfrage für alle aktiven Poetry Slammer:innen.
Wie hältst du’s mit Goethe?


Quellen

Jochen Golz: Faust und das Faustische. Ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Ideologie? In: Zeitschrift für deutschsprachige Kultur & Literatur, 23:2014

Michaela Gille: Goethe redivivus als Motiv in ausgewählten Werken der jüngeren deutschen Literatur, 2006, Siegen (Abrufdatum 15.8.20)
https://dspace.ub.uni-siegen.de/bitstream/ubsi/269/1/..

https://www.suedkurier.de/region/schwarzwald/schwarzwald-baar-kreis/Frauen-in-der-Geschichte-Das-tragische-Leben-der-Cornelia-Schlosser;art372502,9178746

Ihr werten Frauenzimmer auf. Festival in Bremen, November/Dezember 1993, Katalog Bremen, S. 57.

https://www.dw.com/de/der-werther-effekt-wenn-selbstmord-zum-faszinosum-wird/a-38882155

http://freilesen.de/werk_Johann-Wolfgang-von_Goethe,Faust-I_-Der-Tragoedie-erster-Teil,459,0.html

https://www.textlog.de/18834.html

Habert, Bader-Iskraut, Neumann, Völk (Hrsg.): Kiezpoeten – Slam Poetry aus Berlin“, 2019, Berlin, S. 38

Bearbeitung des Faust-Stoffes von einem „Christlich-Meynenden“. Das Buch aus dem Jahr 1726 gehört zu den Schätzen der Faust-Sammlung in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.