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Rhythmus

Mit dem Rhythmus steht und fällt dein Text. Das trifft sowohl auf Lyrik als auch auf Prosa zu: Bei der Lyrik liegt dem die Metrik und die Zeilenlänge zugrunde, bei der Prosa ist es zum Beispiel die Satzlänge. 

Man kann das alles klassisch analysieren, aber eigentlich geht es vor allem um einen angenehmen Sprachfluss. Denn eine holprige Metrik lenkt das Gehör des Publikums darauf, was daran komisch klingt, und schon verpasst man deinen Inhalt. Dabei kannst du solche Probleme einfach beheben. Zum Beispiel mit Füllwörtern. 

Wenn du unsicher bist, kannst du einfach in jeder Zeile ganz simpel die betonten und unbetonten Silben mitzählen – zwei zusammengehörige Zeilen sollten idealerweise exakt gleich lang und gleich gehoben sein. 

Du kannst entweder mit längeren Zeilen arbeiten, um mehr Inhalt vor dem nächsten Reim „unterzukriegen“. Das erhöht außerdem gerade für Anfänger die Natürlichkeit. Oder du wählst kürzere Zeilen, um den Sprachfluss, den Flow hervorzuheben.

Dabei geht es nicht darum, wie in einem klassischen Gedicht unbedingt ein bestimmtes Versmaß „durchzuhalten“. Es ist dein Text. Du kannst deinen Sprachrhythmus auch problemlos mit jedem Abschnitt, mit jeder Zeile, mit jedem inhaltlichen Bruch ändern. Empfehlenswert ist es aber, Zeilen oder Sätze die zusammengehören, gleich zu behandeln. Also: Zwei Zeilen, die sich reimen, klingen mit gleichem Rhythmus deutlich besser. Vier Zeilen oder Sätze, die einen Inhalt behalten, verdienen auch einen zusammengehörenden Rhythmus.

Wichtig: Lass die Grammatik in Ruhe! Weder für den Rhythmus noch für einen Reim solltest du die Grammatik verdrehen – das lässt besonders beim gesprochenen Wort deine Zuhörer nur darüber stolpern. 

Auf der Bühne funktionieren Sätze anders als auf dem Papier. Sprich deshalb deinen Text unbedingt laut vorher durch! Du wirst sehen: Du kannst den Rhythmus unterstützen, indem du z. B. die Betonungen leicht anpasst, und das mit Performance überspielst – das hört sich viel besser an, als eine gebrochene Grammatik. 

Hör dir einmal diese Beispiel-Zeilen an – der Inhalt ist egal, er ist bei allen gleich. Alles was sich ändert, ist ein kleines Wort hier, eine kleine Betonung da. 

Variante 1: (Willkommen und Abschied, Goethe)
Variante 2: (Willkommen und Abschied, Goethe)
Variante 3 (Willkommen und Abschied, Goethe)

Eine der Varianten ist die von Goethe gewählte – wie du hörst, sind alle Zeilen in perfektem Fluss. Bei den anderen habe ich hier und da ein anderes Wort hereingeschummelt. Das Ergebnis wirkt holpriger, und sonstige stilistische Schwächen wie der „Herz / Schmerz“ Reim treten deutlicher hervor.

Satzbau

Das Prosa-Äquivalent für Metrik ist in gewisser Weise der Satzbau. (Obwohl auch das, umgekehrt, natürlich in der Lyrik anwendbar ist.)

Mit der Satzlänge kannst du gezielt gewisse Effekte erzielen: Kurze Sätze, im Extremfall sogar Ein-Wort-Sätze, können manchmal mehr Emotionen erzielen als ein ganzer, umständlicher Satz. Er lässt dem Publikum die Freiheit für eigene Interpretation:

Herbstlaubstimmung. Draußen stürmt es leicht. Kakao, Ofen, du davor.

Lange Sätze hingegen können dein Publikum für einen längeren Zeitraum fesseln, sie kaum durchatmen lassen, bis du es ihnen mit einem kleinen Punkt erlaubst:

Draußen stürmt es wie in einem Windtunnel, du klammerst dich an meiner Hand fest als würde es dich gleich fortwehen, und wirklich: Deine Haare fliegen nur so vor dir her, als hätten sie es eiliger als du, dabei sind wir noch nicht mal wirklich draußen. Sondern nur im Hausflur.