10 Fragen, mit denen man Slammer*innen auf die Palme bringt – und die Antworten

Hast du dich nicht auch schon immer gefragt, ob Gesprächspartner*innen, die feststellen, dass du Slam machst, eigentlich eine geheime Liste haben? Eine Liste mit 10 Fragen, die sie einer*m Slam Poet*in unbedingt stellen sollen, wenn sie so einem seltsamen Menschen mal begegnen – eine Liste, die dir zwar noch nie begegnet ist, die aber alle zu kennen scheinen, die jemals in die Gelegenheit kommen könnten, mit dir über Slam zu sprechen? Ja, es gibt sie.
Hier.
Für alle Nicht-Slammenden: Natürlich ist das verständlich, dass ihr, wenn ihr die Antwort noch nicht kennt, das unbedingte Bedürfnis habt, diese Fragen zu stellen. Da wir uns aber mehr über kreative, seltener gehörte Fragen freuen, machen wir es euch einfach, und geben die möglichen Antworten gleich noch mit dazu. Dann könnt ihr die abgleichen mit den Antworten der befragten Slammer*innen, und damit Bingo spielen. Oder andere Fragen stellen 🙂

Frage 1: Kann man davon leben?
Poetische Antwort: Nicht davon, aber dafür.
Pessimistische Antwort: Ahahahaha nein. Fahrtkosten und Freigetränke hat mein Vermieter bisher noch nicht als Bezahlung akzeptiert und deshalb müssen wir hier danach noch unsere Bücher verkaufen. Apropos, möchtest du eins?
Optimistische Antwort: Heute besser als früher. Es gibt tatsächlich inzwischen einige Poet*innen, die das tun. Das ist dann aber meist nicht tatsächlich (nur) vom Poetry Slam, sondern der Kombination aus Sonderveranstaltungen und Lesungen, Themen/Auftragstexten, Workshops, Moderationen, Features, Buchverkäufen und so weiter. Apropos, möchtest du eins?
Antwort von Felix Lobrecht: Ja.
Hintergrund:
Slam ist inzwischen ein weit gefächertes Format. Es gibt immer noch die kleinen Bar-Slams, bei denen großteils Locals auftreten und vierzig Zuschauer sich in eine enge Kneipe quetschen. Hier kriegt man Freigetränke, und wenn man von weiter wegkommt noch ein bisschen was für die Fahrtkosten und eine Unterkunft. Vor zehn Jahren war das für die Meisten auch schon so ziemlich alles, und die Antwort hätte zwingend „Nein“ lauten müssen. Heute ist Slam bekannter geworden, es gibt Fördermittel und vielbesuchte Großveranstaltung, so dass (teils) auch Gagen bezahlt werden können. Viele Poet*innen veranstalten auch selbst, machen Workshops oder werden für Features oder sonstige gut bezahlte Auftritte gebucht. Von ein paar Ausnahmen abgesehen sind aber selbst die, die keinen weiteren Job ausüben, immer noch keine Großverdiener. Also kauft ihnen ihr verdammtes Buch ab.

Frage 2: Wäre das nicht ein Thema, mal nen Slam drüber zu schreiben?
Ironische Antwort: Jaaa, voll die gute Idee, kriegste dann Tantiemen für, wenn ich mit dem Text über das Thema reich geworden bin, ich muss jetzt los und ihn sofort schreiben.
Aggro-Antwort: Nein, das ist ein scheiß Thema, du Strichertochter / -sohn! Bloß weil das in der Situation grade lustig war, gibt das doch nicht genug Material für einen ganzen Text her! Außerdem war das gar nicht so lustig. Das Leben schreibt nämlich nicht die besten Geschichten, die schreibe immer noch ich!
Antwort der intrinsischen Poet*innen: So funktioniert das nicht. Ein Thema muss mich von sich aus beschäftigen. Wenn ich es dann tagelang mit mir rumgetragen habe, dann setze ich mich vielleicht hin und kann es in einen Text fließen lassen. Aber wenn dich das Thema so beschäftigt, schreib du da doch was drüber!
Geschäftstüchtige Antwort: Klar. Wie viel bezahlst du mir dafür?
Leicht pedantische, aber begründete Antwort: Es heißt „Text“! Nicht „Slam“! Ich kann da höchstens einen Text drüber schreiben, nicht einen Slam…

Hintergrund:
Die Motivation für einen Text ist bei jeder*m Poet*in unterschiedlich. Wenn man von (bezahlten) Auftragstexten zu einem bestimmten Thema absieht, ist es aber meist ein Thema, was uns aus sich selbst heraus beschäftigt. Entweder persönlich, oder weil wir denken, dass es für viele andere Menschen relevant ist. Und wenn dem so ist, kommen wir da meist auch selber drauf, ohne dass man das noch erwähnen muss. Deswegen kosten Auftragstexte ja auch Geld, weil wir uns erstmal in ein Thema einfinden müssen, das uns nicht intrinsisch beschäftigt hat. Weil man in der Regel eben nicht einfach eine Situation, die irgendwie „ein spannendes Thema ist“ einfach so aufschreibt und dann einen guten Text hat.
Oh und zur pedantischen Antwort: Slam ist das Format, der Text ist das was man da vorträgt. Eine häufig gehörte Antwort dürfte entsprechend auch sein: Du sagst ja auch nicht „Oh da hast du ein schönes Kino gedreht, Til Schweiger!“

Frage 3: Und worüber schreibst du so?
Langwierige Antwort: (Zählt alle Themen der letzten fünf Jahre Texte auf)
Realistische Antwort: Alles mögliche, kann ich nicht so zusammenfassen. Aber ich kann dir sagen, welchen Stil ich normalerweise nutze.
Antwort von Patrick Salmen: Menschen.

Hintergrund:
Siehe Frage 2. Viele gute Poetry Slammer*innen können diese Frage meist nicht einfach beantworten mit „immer über Liebe“ oder „immer über Krieg“. Das würde ihnen auf Dauer auch selbst zu langweilig werden. Man schreibt über das, was einen gerade beschäftigt. Natürlich gibt es auch manche, die sich tatsächlich für eine längere Zeit auf ein Thema festlegen. Dann ist das aber oft auch eher ein Über-Thema, mit verschiedenen Varianten – wie bei Nico Semsrott und dem Thema Depressionen. Meist ist der Wiedererkennungswert eines*r Poetry Slammer*in allerdings eher eine bestimmte Stilrichtung – im Slam gerne klassischerweise (grob) eingeteilt in die Vier-Felder-Matrix bestehend aus Lyrik/Prosa und ernst/lustig. Unter Poet*innen hört man entsprechend eher die Frage „Machst du lustig oder ernst?“ sowie „Machst du Lyrik oder Prosa?“.

Frage 4: Wie kommst du auf deine Ideen?
Allgemeine Antwort: (seufzt)
Antwort von Daniel Kehlmann: In der Badewanne

Hintergrund:
Man kann das wirklich nicht pauschal beantworten. Meistens kommen die halt einfach so. Irgendwann, irgendwo. Hängt auch vom jeweiligen Text ab: Wenn jemand einen Text über Bahnfahr-Chaos hat, dann kam die Idee vermutlich von einer chaotischen Bahnfahrt. Wenn jemand einen Text über Nazis hat, dann hat man vielleicht die letzten sechs Monate viele Nachrichten gelesen. You get the idea. Wir haben es uns nicht nehmen lassen, auch dazu natürlich einen Blogbeitrag zu schreiben. Und falls die zweite Antwort euch irritiert, lest “Ruhm” von Kehlmann.

Frage 5: Ah du machst Slam – so wie Julia Engelmann? (Gerne variiert zu: „Kennst du Julia Engelmann?“
Wahrscheinliche Antwort: Nein.
Antwort von Julia Engelmann: Ja.

Hintergrund
1. Wir wollen nicht auf den Stil Julia Engelmann reduziert werden. Ihre Texte sind a) (auf eine bestimmte Weise) gereimt b) ernst aber leicht und c) inhaltlich meist eine Abwandlung des Carpe Diem-Motivs. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Wenn man aber denkt, dass Poetry Slam (und jede*r Slammer*in) grundsätzlich a), b) und c) sei, ist das doch recht reduzierend. Tatsächlich ist Slam zwar manchmal auch das, aber eben nicht nur das. Slam ist lustig, ernst, lyrisch, prosaisch, avantgardistisch, rap lästig, storytelling, inhaltlich Dada oder kalenderspruchig, deep, oberflächlich, klamaukig, wortspielerisch, sozialkritisch, emotional, verkopft… Nun, im besten Falle alles. (Also: Eine Slam-Veranstaltung ist all das, nicht ein Slam-Text ist all das). Das ist, wie wenn du eine Gruppe ansprichst, die aus einem französischen Avantgarde-Regisseur, einem Blockbuster-Fantasy-Produzenten, Loriot und einem Dokumentar-Filmer besteht, und sie fragst ob sie das gleiche machen wie Til Schweiger mit Kein-Ohr-Hasen.
2. Dass so viele SlammerInnen die Frage „Kennst du Julia Engelmann (persönlich)“ mit „nein“ beantworten, liegt vermutlich daran, dass sie spätestens seit 2014 kein (aktiver) Teil der Slam-Szene mehr ist. Ein aktiver Teil der Szene ist man, wenn man entweder noch selbst auf Slams auftritt, oder welche veranstaltet, Workshops gibt, oder ein „Slam-Papi“ oder „Slam-Mami“ für eine/n NewcomerIn ist. Natürlich kann man Slam auch einfach als Sprungbrett oder temporären Ausflug nutzen (machen andere ja auch). Aber dann ist man, wenn man damit aufhört, nicht mehr wirklich Poetry SlammerIn. Das ist wie, wenn ein Fußballer drei-vier Jahre in der Regional-Liga gekickt hat, und dann bundesweit als Coach für Sporternährung bekannt wird. Zwar wäre er da nicht hingekommen ohne seine Fußball-Erfahrung, aber nach einigen Jahren ohne berühren eines Balles wäre es doch ein bisschen irreführend ihn als „Deutschlands berühmtesten Fußballer“ zu bezeichnen und jede*n Fußballer*in zu fragen, ob er ihn persönlich kennt.
3. Viele Slammer*innen finden den Hype um ihre Texte ein wenig übertrieben, weil es viele andere Slammer*innen gibt, die da qualitativ locker mithalten. Unbestreitbar hat ihre Berühmtheit mit dazu beigetragen, dass Slam in Deutschland bekannter wurde und mehr Publikum bekam, aber deswegen will sich trotzdem nicht jede*r, der Slam macht, mit ihr identifizieren. All das hat übrigens herzlich wenig mit ihr als Person zu tun, es geht vielmehr um ihre Texte und den Hype darum.

Frage 6: Und wie funktioniert so ein Slam?
Einfachste Antwort:
https://de.wikipedia.org/wiki/Poetry-Slam

Frage 7: Sind Slammer*innen nicht nur erfolglose Autor*innen?
Self-Publisher Antwort: Nein, nein, nein, nein! Wirklich nicht!
Antwort von Verlägen vor 2010: Absolut. Gedichte verkaufen sich einfach nicht.
Antwort von Verlägen nach 2010: Es ist ein ziemlich guter Nachwuchs-Pool. Da können junge Leute einfach erstmal anfangen und damit wachsen, und wenn sie gut genug sind, kriegen sie nen Vertrag. Und wenn sie dann danach noch weiter auf Slams auftreten ist das super, weil dann verkaufen wir mehr Bücher als bei Autor*innen, die Angst vor Lesungen haben.
Geschäftstüchtige Antwort: Naja, also, ich hab hier ein Buch. Musst du natürlich selbst beurteilen wie du das findest. Apropos, willst du eins haben?
Antwort von Marc-Uwe Kling: Nein. (Wirft mit Geld um sich)

Hintergrund:
Das Format ist ein ganz anderes: Beim Slam komprimiert man seine Idee auf wenige Minuten – das ist eine ganz eigene Herausforderung. Dafür braucht man nicht den langen Spannungsbogen eines Romans. Beides gegeneinander abzuwägen ist, als wenn man sagen würde „Sind Laptops nicht nur Smartphones, die man nicht klein genug gekriegt hat“. Es sind zwei unterschiedliche Disziplinen. Und tatsächlich scheitern manche klassische Autoren daran, gute Live-Lesungen zu geben (oder wollen das einfach nicht). Aber natürlich gibt es auch Leute, die beides können, und dafür auch von den Verlagen wertgeschätzt werden.

Frage 8: Wer sind deine Lieblings-Poet*innen?
Insider-Antwort: (Zählt fünf Slammer*innen auf die du noch nie gehört hast)
Gesprächsbefriedrigende Antwort: Felix Lobrecht, Patrick Salmen, Julia Engelmann und Moritz Neumeier (ergänzbar durch andere Slammer*innen, die über die Szene hinaus bekannt sind, und dem Fragenden ein zufriedenes Nicken entringen)
Bildungsbürgertum-Antwort: Also, ich finde, Goethe ist ja überbewertet. Ich mag ja Heinrich Heine mehr.
Relativierend-diplomatische Antwort: Kann ich jetzt so gar nicht sagen. Gibt da viele verschiedene. Aber xyz hier (klopft der/dem neben sich stehenden auf die Schulter) ist auf jeden Fall vorne mit dabei!
Antwort von Jan Schmidt: Jan Schmidt.

Hintergrund:
Meistens kommt die Frage von Leuten, die die Szene gar nicht genug kennen, als ob ihnen die meisten Namen etwas sagen würden. Und sie werden sie vermutlich auch nicht googeln, wenn sie nach Hause kommen. Das Ergebnis ist dann: Small Talk mit wenig sinnvollen Ergebnissen. Wenn du wirklich interessiert bist, frag spezifischer (zum Beispiel „Empfiehl mir mal jemanden mit echt guter Lyrik“) und schreib es dir dann auch auf.

Frage 9: Du machst Poetry Slam? Trittst du auch auf?
Ironische Antwort: Nee, ich schreib nur Slam-Texte, studiere dann ne Performance ein und vergesse sie dann wieder.
Einzig richtige Antwort: Ja.

Hintergrund:
Wenn man Texte schreibt, aber nicht auftritt, macht man kein Poetry Slam. Dann schreibt man Gedichte / andere Texte. Ein Slam-Text definiert sich überhaupt erst dadurch als Slam-Text, dass er bei einem Slam vorgetragen wird.

Frage 10: Ich hab auch schonmal ein Gedicht geschrieben. Kannst du mir da was empfehlen?
Vereinfachende Antwort: Frag deine*n lokale*n Slammaster*in und tritt auf damit.
Geschäftstüchtige Antwort: Klar, komm zu meinem Workshop, hier ist meine Visitenkarte.
ZuGutFürDieWelt-Antwort: Ja, gib mir denn einfach mal, dann schicke ich dir ein ausführliches Feedback
Slammaster-Antwort: Cool! Der Slam bei dem du gerade bist ist eher so eine Best-Of-Veranstaltung mit geladenen Poet*innen, aber der xyz-Slam ist jeden x. Freitag des Monats und da kannst du einfach vorbeikommen. Da haben wir eine Offene Liste. Oder schreib mir einfach über unsere Veranstaltungsseite.

Hintergrund:
So eine Text-Kritik lässt sich nicht zwischen Tür und Angel geben und ist, wenn man sie ernstnimmt, recht aufwändig. Nicht umsonst machen einige von uns mehrtägige Workshops und Schreibwerkstätten. Wenn du erstmal Feedback brauchst, bevor du dich damit auf eine Bühne traust, ist das der richtige Ort dafür. Der/die gerade von dir gefeierte Poet*in am Abend des Slams eher nicht – auch, weil manche Poet*innen zwar selbst gut schreiben, aber deshalb nicht unbedingt gute Pädagog*innen sind (und vor allem weil sie an dem Abend anderes im Kopf haben). Oder du befolgst die Slammaster-Antwort – denn so haben viele von uns auch angefangen. Und dann gibt dir der/die besagte Slammaster*in vielleicht im Anschluss an den Auftritt gleich auch noch Feedback. (Mehr gibts hier!)

Bonus-Frage (weil meist ironisch gestellt) : Gibt’s da auch Groupies?
Antwort vom How To Be A Poet Blog: Ich glaube, da machen wir mal einen eigenen Beitrag zu.
Antwort von Felix Lobrecht: Ja.