Einen Slam starten ohne gehatet zu werden

Neulich fragte uns ein befreundeter Slam-Poet, er würde gerne einen neuen Poetry Slam in Berlin etablieren, was er denn da so berücksichtigen müsse, um niemandem auf die Füße zu treten. Abgesehen davon, dass er mit dieser Frage schon sehr viel richtig gemacht hat, ist das eine sehr gute Frage. Die Slam-Szene achtet meist auf faire Zusammenarbeit. Aber manchmal macht ein Slammaster-to-be einen unbedachten Fehler, und zack!, ist der Beef da. Wie man das vermeidet? Kooperation!

Einen Poetry Slam zu veranstalten, ist eine Menge Arbeit.

Das unterschätzen viele Poet*innen, die eine Weile selbst auf der Bühne gestanden haben, bekommen früher oder später Lust, einen eigenen Slam zu organisieren. Das ist natürlich erstmal fantastisch – mehr Kultur, mehr Bühnen. Kann man ja nicht viel falsch machen, oder? Nun ja, genaugenommen schon. Zunächst unterschätzen viele den Aufwand, der mit Lineup-Planung, Werbung, Location-Absprachen, Abendleitung, Moderation, Kasse, Soundcheck etc. einhergehen. Darunter leidet dann die Veranstaltung, und entweder das Publikum hat keinen Spaß oder die Poet*innen. Das lässt sich natürlich vermeiden, durch Vorbereitung, eine gute Organisation, und Ratschläge von anderen MCs. Aber nicht jede*r gute Poet*in ist auch ein guter Host. Vielleicht hilft es dir, erstmal bei einem bereits existierenden Slam von befreundeten Veranstaltern auszuhelfen, um dir ein realistisches Bild der Arbeit zu verschaffen. Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen – setzen wir einmal voraus, du kannst all das. Jetzt hast du vielleicht sogar schon eine potentielle Location gefunden, die Lust auf einen Slam hätte und willst am Besten einfach sofort loslegen. Und hier ist das Problem:

Du bist wahrscheinlich nicht alleine in deiner Stadt.

Inzwischen gibt es in fast jeder größeren Stadt Deutschlands einen etablierten Poetry Slam, oft mehrere. In Berlin gibt es aktuell weit über 20 jeden Monat, unregelmäßige noch nicht mitgezählt. Wenn du jetzt einfach dein neues Event auf deinen Lieblingstermin legst, ohne die folgenden Punkte zu beachten, kann es gut sein, dass du es dir mit einem bestehenden Slam verscherzt. Das heißt schlimmstenfalls: dir selbst eine Auftrittsmöglichkeit versaust, andere Poet*innen in die Entscheidung zu drängen, ob sie zum einen oder zum anderen Slam gehen sollen (und das nicht nur bei Terminüberschneidungen), und auf persönlicher Ebene nicht mehr klarzukommen. Und im weniger schlimmen Fall immer noch: größere Schwierigkeiten ein gutes Lineup und ein volles Haus zu bekommen. Umgekehrt, wenn du sie beachtest, können alle davon profitieren – die Szene vor Ort stärken, eine weitere Bühne schaffen, sich gegenseitig bewerben und Poet*innen empfehlen. Hier also eine (nicht abschließende) Liste der Do’s and Don’ts bei Slam-Neugründungen:

  • Absolutes Don’t: In die gleiche Location gehen – außer, das bestehende Slam-Team hat es dir von sich aus angeboten. Du würdest das schließlich später auch nicht wollen. Eine Ausnahme können andere Konzepte sein (z.B. Songslam in der Location wo es einen Poetry Slam gibt), aber selbst da gilt: das ist ein heikles Thema. Spar dir viel Stress und such eine andere Location.
  • Großes Don’t: Auf den gleichen Termin gehen, bei einer räumlich sehr nahen Location. Damit schaffst du eine Konkurrenzsituation mit lokalen Poeten und Publikum, die euch beiden schadet. In größeren Städten wie Berlin kann es sein, dass eine Terminüberschneidung nicht vermeidbar ist – wenn es am anderen Ende der Stadt ist, hast du zumindest das Publikumsproblem nicht, das Lineup-Problem bleibt jedoch. Deshalb unbedingt mit den Slam-Mastern des betroffenen Events absprechen! (s.u.) Ausnahme: einzelne Verschiebungen (wegen Feiertagen) oder Sonderevents. Auch da sollte man jedoch fair kommunizieren.
  • Daumenregel: größtmöglicher zeitlicher und räumlicher Abstand. Je näher deine Location zu einem bestehenden Slam liegt, desto größer sollte der Zeitabstand sein. Das ist einfach, wenn du ein bisher unbespieltes Viertel angehst (wie damals der Kalleslam in Karlshorst oder der Bubble Slam in Schöneweide), woanders kann es schwieriger sein. Dass der Schall & Rauch Slam am Monatsanfang ist, liegt hauptsächlich daran, dass der Wedding Slam in der Monatsmitte liegt.
  • Großes Don’t: Öffentliches Bashing der bestehenden Veranstaltung, um sich selbst zu etablieren. Vielleicht hast du einen guten Grund, warum du die bestehende Veranstaltung nicht magst, und startest auch deswegen deine Alternative. Das ist okay. Aber bau deinen Erfolg nicht auf dem dissen einer anderen Veranstaltung auf (so wie Politiker im Wahlkampf), sondern darauf, dass deine Veranstaltung einfach gut ist. Wenn sie tatsächlich besser ist, dann wird man das schon so merken. Und wenn nicht, dann hättest du dich ganz schön blamiert. Außerdem ist es einfach massiv unhöflich.
  • Schwieriges Thema: Preis-Dumping. Eine reguläre Kostenlos-Veranstaltung oder 1€-Eintritt als neues Konzept schafft dir womöglich keine Freunde. Vor allem, wenn der andere Slam seine Einnahmen verwendet, um faire Gagen und FK zu bezahlen, und du selbst mit den Freigetränken knauserst. Das heißt nicht, dass kostenlose Shows nicht auch ihren Platz haben – der Maggie Slam und der jährlich stattfindende Janus Slam kosten auch keinen Eintritt. Aber wir geben uns größte Mühe, allen Beteiligten unabhängig davon einen fantastischen Abend zu bereiten und durch andere Einnahmequellen faire Fahrtkosten (und Gagen) zu bezahlen, sie mit Verpflegung zu verwöhnen, und anderen (Eintritts-)Slams nicht das Publikum abzugraben. Das gilt besonders bei Auftragsveranstaltungen: Wenn du von BMW beauftragst wirst, einen Auto-Slam zu veranstalten, du dann die Poeten mit knauserigen Fahrtkosten abspeist und es als Werbeveranstaltung kostenlos machst, werden die anderen lokalen Slammaster dich wahrscheinlich (zurecht) hassen.
  • Großes Do: Sprich dich mit den Slammastern ab, mit denen es Konfliktpotential geben könnte. Das heißt in Städten wie Berlin: falls es eine (wenn auch räumlich weit entfernte) Terminüberschneidung gibt, oder der Slam in deiner räumlichen Nähe liegt. Das heißt in kleineren Städten: mit allen bestehenden Slams. Und absprechen heißt nicht “Hey, ich fang dann mal nen Slam an dem Termin an“, sondern ein ergebnisoffenes Gespräch, ob das für sie okay wäre, ob das ihrer Einschätzung nach vom Publikum überhaupt möglich ist etc. Vielleicht ergibt sich dann auch eine Zusammenarbeit, oder eine Empfehlung für eine alternative Gegend. Sei offen für solche Vorschläge. Wenn darüber hinaus (in größeren Städten) noch eine weitere Community an Veranstaltern existiert, ist es gut, diese auch vor Start der Veranstaltung zu informieren (mit dem Hinweis, dass es mit direkt betroffenen abgesprochen wurde). Das alles heißt nicht, dass irgendjemand ein Monopol über eine Gegend hätte. Aber da haben Leute viel Arbeit in den Aufbau einer Szene gesteckt, es ist das Mindeste, zumindest höflich miteinander umzugehen und ihre Arbeit zu respektieren.
  • Sei ehrlich: Braucht es noch einen Slam, dort wo du ihn gerne machen würdest? Machst du das nur für dich oder für die lokale Kultur? Falls du die erste Frage mit “ja” und die zweite mit “Zweiteres” beantworten kannst: Geil, leg los. Ansonsten: Vielleicht lohnt es sich, über ein alternatives Konzept nachzudenken. Eine Offene Bühne vielleicht, oder eine Lesebühne. Sei kreativ, es gibt noch so viele fantastische Konzepte da draußen. Und wenn es ein Slam sein soll: Bring vielleicht ein eigenes Konzept ein. Das macht dein Event auch einzigartig.
  • Zusammenarbeit vor Konkurrenz: Jede Veranstaltung wird besser durch Zusammenarbeit. 2018 organisieren wir Kiezpoeten zum Beispiel eine Reihe von Sonderveranstaltungen für Engagement Global, die #17 Ziele Poetry Slams, in fünf verschiedenen Städten. Außer Berlin und Celle sind die anderen drei Städte nicht unsere “Heimat” als Veranstalter. Deshalb arbeiten wir dort mit den lokalen Veranstaltern zusammen. Sie kennen die örtliche Szene besser, sind auch werbetechnisch besser vernetzt und stecken viel (teils ehrenamtliche) Arbeit darein. Es wäre unfair, sie bei einem tollen Auftragsprojekt außen vor zu lassen.
  • You give and you get back: Wenn du selbst slammst, bist du vermutlich auch schon oft für “Fahrtkosten und zwei Freigetränke” aufgetreten. Du kennst die anderen Poet*innen, du gehst öfter mal auf Tour, du gibst deine Kunst für die Bereicherung der Szene. Vielen Dank! Wenn du jetzt veranstaltest, werden auch Leute bereit sein, zu ähnlichen Bedingungen bei dir aufzutreten (außer du selbst macht unmoralisch viel Schotter damit und gibst nichts davon ab). Das ist ein Gleichgewicht, und davon lebt die Szene, und das ist einer der Gründe, warum wir von der “Slamily” reden. Wenn du veranstaltest, und dafür gut bezahlen kannst, cool. Wenn du das nicht kannst, aber dir selbst zu schade dafür bist, auch mal zu ähnlichen Bedingungen aufzutreten (oder das nicht zumindest einige Jahre gemacht hast), dann ist das nicht cool. Besonders, wenn du als Veranstalter währenddessen gut verdienst – dann brauchst du dich nicht wundern, irgendwann als mieses Kapitalistenschwein beschimpft zu werden und keine guten Poet*innen mehr auf deine Bühne zu kriegen. Das ist auch der Grund, warum viele so empfindlich auf “Slams von außen” reagieren: Irgendeine Eventagentur kommt auf die Idee, jetzt auch mal einen Slam zu machen, weil man da den Poet*innen nichts für zahlen müsse und “das ist ja auch Werbung für dich“, preschen ohne Absprache in eine Stadt rein in der es längst einen etablierten Slam gibt und stecken sich selbst viel Geld ein. Sie haben nie etwas zurückgegeben für die Szene, also sollten sie unsere Leistung auch in angemessenen Gagen bezahlen.

 

Kannst du jetzt nichts mehr falsch machen?

Doch, wahrscheinlich schon. Mit jeder neuen Veranstaltung lernt man etwas dazu. Aber zumindest hast du die Wahrscheinlichkeit verringert, dass du für das, was du liebst, von anderen Leuten (die das gleiche lieben) gehatet wirst. Das wäre ja auch wirklich schade.

Und jetzt geh raus und bring ein bisschen Kultur in diese Welt.