Auf Tour gehen

Die meisten Städte in Deutschland haben inzwischen einen oder mehrere Poetry Slams. Wer anfängt, auf Bühnen zu performen, macht dies meist in der eigenen Stadt zuerst – hier ist die Hürde gering, Slammaster sehen dich als “Local” immer gerne, und du kannst dich nachher noch mit deinen Freunden in die nächstbeste Kneipe verziehen. Früher oder später packt die meisten Poeten jedoch die Reiselust, auch auf Tour zu gehen – und die deutsche Szene bietet dafür großartige Voraussetzungen. Wie das geht und warum man das tun sollte, darum geht es in diesem Blog-Beitrag.

Warum du touren solltest

    1. Jede Bühne ist anders. Du hast nun eine Weile die Bühne/n deiner Stadt ausprobiert und dich vielleicht ein bisschen in deiner lokalen Szene etabliert? Zeit für einen Tapetenwechsel. Es gibt Poet/innen, die über Jahre nur im Mikrokosmos ihrer eigenen Stadt performen – und gar nicht wissen, wie anders das Publikum woanders sein kann. Vielleicht kommen manche Texte, die du hier verloren glaubtest, woanders super an (oder umgekehrt). Vielleicht ist das Abstimmungssystem anders. Die Chance, dass du dein Publikum und dein Publikum dich besser versteht, ist deutlich größer, wenn du auch jenseits der magischen 10-Kilometer-Grenze aufgetreten bist.
    2. Du kannst deine Texte wiederverwenden – und verbessern. Gerade in kleineren Städten wirst du deine Texte nicht vor dem gleichen Publikum wiederholen wollen (zurecht). Wenn du aber nur eine kleine Handvoll Bühnen zur Verfügung hast, landet jeder neue Text nach ein paar Mal vortragen wieder in der Schublade. Dabei hat er vielleicht ein Riesenpotential! In jeder neuen Stadt, in die du kommst, kannst du diesen Text wieder verwenden – schließlich kennt ihn hier noch keiner. Und du kannst feststellen, was darin funktioniert und was nicht, ihn überarbeiten und auf der nächsten Bühne noch besser machen.
    3. Du lernst andere Poeten kennen. Das erhöht nicht nur deine Chancen, auch auf anderen Bühnen eingeladen zu werden, die von diesen Poetinnen organisiert werden – es erweitert auch deinen poetischen Horizont, inspiriert dich zu neuen Texten und Stilen und schafft ganz nebenbei natürlich auch Freundschaften.

 Und wie mache ich das?

Noch vor zehn Jahren war Touren gar nicht so einfach. Wenn man nicht zu den ganz Großen gehörte, verband man die Tour mit einem Besuch bei Freunden, die im besten Fall auch gleich eine Schlafcouch hatten. Man suchte sich eine Reihe an räumlich nah beieinander liegenden Slams, schrieb die Slammasterinnen einzeln an und schaute, dass man möglichst günstig von einem zu nächsten kam. Wenn man nicht per Studententicket das ganze Bundesland durchfahren konnte, nahm man sich eine Mitfahrgelegenheit und freute sich, wenn der Veranstalter einem ein paar Euro geben konnte, um das wenigstens teilweise zu bezahlen.

Heute ist das alles ein bisschen anders: Viele Veranstalterinnen haben sich entweder mit anderen Slam-Mastern zusammengeschlossen oder organisieren selbst eine Tour von mehreren Slams in verschiedenen Locations an aufeinanderfolgenden Tagen. Fragst du dann eine/n von ihnen an, bieten sie dir oft die ganze Tour im Kontext mit an. Die Fahrtkosten werden meist erstattet (meist auf Flixbus oder Bahncard-50 Niveau) und eine Unterkunft organisiert (deren Qualität vom Budget der Tour abhängt) und eine Infomail erinnert dich vorher an alles, was du wissen musst. Einige Slams und Touren werden auch versuchen, deine Fahrtkosten zumindest aufzurunden oder eine Gage zu zahlen. Wenn du schon so fame bist, dass Organisatorinnen dich von sich aus anfragen, ist all das ein bisschen einfacher und selbstverständlicher. Aber warte nicht darauf, dass das passiert – die meisten Slams kriegen Monat für Monat zahllose Anfragen, bevor sie überhaupt darüber nachdenken, dich einzuladen, hat sich ihr Lineup oft schon von selbst gefüllt. Deswegen hier der How To Guide to Touring:

  1. Check die Termine. Guck dir an, welche Slams zeitlich und räumlich gut für dich gelegen sind – fang bei den Slams an, deren Slam-Master du schon persönlich kennst, mach dort weiter, wo du eh mal (wieder) hinfahren wolltest oder die dir eine befreundete Slammerin empfohlen hat. In der Poetry Slam Facebook-Gruppe werden auch immer mal wieder Veranstalter spontan in die Runde fragen, ob jemand einspringen kann – das ist eine besonders gute Chance, denn meist tun sie das, wenn ihnen kurzfristig das Lineup zusammengebrochen ist.
  2. Schreib die Organisatorinnen an. Auf der Website oder Facebook-Page des entsprechenden Slams findest du in der Regel die Info, wen du als Slammer anschreiben kannst – oft verbunden mit anderen Infos die du dir natürlich durchlesen solltest. Dieser Person schreibst du dann einfach, dass du gerne bei seinem/ihrem Slam auftreten würdest. Du musst kein Bewerbungsschreiben oder deine Texte anhängen (im Zweifel genügt ein Link zu einem Youtube-Video oder falls du eine Website mit Texten hast, der Link dazu). Viel wichtiger aber sind die Informationen: Wann würdest du gerne kommen? Könntest du auch an Anschlussterminen? Brauchst du einen Schlafplatz? Hast du Fahrtkosten, und wenn ja wie viele schätzungsweise? Ansonsten halte es übersichtlich und freundlich – klingt logisch, aber du glaubst ja nicht, was man manchmal für Mails bekommt.
  3. Werden sie dich dann automatisch einladen? Nein – und das hat nicht zwingend etwas mit dir und deiner Qualität zu tun. Drei Gründe, warum sie eher ablehnend reagieren könnten, habe ich neulich in dem Beitrag “Du möchtest also auf einem Slam auftreten” beschrieben. Beim Auswärts-Touren kommen dazu die Kosten: Eine Slam-Masterin, die weder einen Text von dir gehört hat noch über andere Slammer eine Empfehlung für dich bekommen hat, wird eventuell nicht bereitwillig hohe Fahrtkosten herausschleudern. Viele Veranstaltungen arbeiten mit sehr begrenztem Budget, da muss man einfach haushalten. Dinge die diese Entscheidung beeinflussen sind a) persönliches Kennen und schon gesehen haben b) gute Slam-Videos c) ein Meisterschaftstitel (aber bitte gib nicht an damit, das finden die Organisatoren schon von selbst heraus) d) ein nicht-benötigter Schlafplatz (deshalb hilft es, anzufangen, wo du Freunde hast, bei denen du schlafen kannst) e) eine Fahrtkosten-reduzierende Tour-Anbindung um die du dich eventuell auch selbst schon gekümmert hast (wenn du schreiben kannst “ich bin am soundsovielten bei XXX in der benachbarten Stadt und könnte recht günstig bei euch vorbeikommen”… hilft das!) f) eine BahnCard 50, Frühbucherpreise und ähnliche günstigere Fahrtmöglichkeiten. Wenn du also eine Absage kriegst, nimm es nicht übel, und versuch es woanders mit den obigen Tipps weiter.
  4. Was ist mit allgemeinen Rundfragen in der Facebook-Gruppe? Ein “Hey, ich hab den ganzen Monat Zeit und trete gerne in der Region XY auf” kann dir manches Mal einige Auftritte verschaffen – erwarte aber nicht den Ansturm der Veranstalterinnen, die sich um dich reißen. Eventuell kommentieren aber ein paar befreundete Slammer, die dich für gut befinden, mit ihrer Empfehlung, was natürlich nicht schaden kann.
  5. Bleib zuverlässig. Inzwischen muss man solche Anfragen oft schon ein Weilchen im Voraus rausschicken – einfach, weil das Lineup oft schon sehr früh voll ist. Schreib dir deshalb, wenn du eine Zusage bekommen hast, den Termin samt Ansprechpartnerin gleich in den Kalender, und kümmere dich baldmöglichst um eine Fahrtmöglichkeit. Nichts ist uncooler für dich und die Veranstaltenden, als wenn deine Fahrtkosten plötzlich höher sind als abgesprochen, weil du nicht rechtzeitig gebucht hast. Natürlich sind Absagen nie toll – aber manchmal kommt nun mal etwas wirklich Wichtiges dazwischen. Dann sei fair und erklär das den Veranstaltern möglichst bald, damit sie sich rechtzeitig um Ersatz kümmern können. Wenn du eine Infomail bekommst, bestätige sie kurz, wenn alles klargeht, und plane deine Reise so, dass du nicht auf letzte Minute ankommst (Bahnverspätungen gibt es immer). Denn auch das trägt dazu bei, dass der Slam-Masterin dich bei der nächsten Anfrage gerne wieder dabei hat.

Das Leben auf Tour

Ich denke, das füllt einen eigenen Blog-Beitrag, was wir uns mal für die Zukunft aufheben. Nur so viel: Dazu gehören sowohl spannende Leute, großartige Bühnen und das Bier im Backstage als auch entnervende Bahnverspätungen, verregnet-untätige Nachmittage und der Morgenkater auf einer Schlafcouch. Manchmal wirst du dich fragen, warum du das eigentlich machst, ob sich der ganze Aufwand für einen 5-Minuten-Auftritt gelohnt hat und ob du dir Backstage-Gespräche spannender vorgestellt hast als sie tatsächlich sind. Aber dann wirst du wieder auf einer Bühne stehen, neben anderen fantastischen Menschen in einer gemütlichen Kneipe oder vor einem prall-gefüllten Hörsaal, wirst nach der Show mit anderen Poetinnen und Zuschauern abhängen, neue Städte kennenlernen und nachmittags mit anderen Tourenden spontane Teamtexte entwickeln. Und dann wirst du dich schon in der Bahn auf dem Weg nach Hause wieder an deinen Terminkalender hängen und die nächste Tour planen.

 


In Berlin sind wir Kiezpoeten mit der SubkulTour Berlin die wohl längste zusammenhängende Tourmöglichkeit und freuen uns über Auftretende von Auswärts. Wenn du in unserem Kalender einen geeigneten Zeitraum gefunden hast (je mehr zusammenhängende Termine desto besser), schreib uns einfach über das Kontaktformular unten!